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Ein falsches Jahrhundert – Ende

Bäckerin: Ich denke, es ist eine gute Idee, all die Gäste der Party von Virginia Woolf zu befragen, wie wir wieder heimwärts kommen.
Ich: Ich bin gespannt, wen wir da noch so alles treffen.
Virginia Woolf: Ah, da sind sie ja. Treten sie ein. FREUNDE, HÖRT MAL ALLE HER! Wir haben hier noch zwei Gäste, die in den Abend große Hoffnungen setzen, sie wollen wieder dahin, wo sie wohnen.
S. Freud: Freud, ist mein Name, sehr angenehm. Mir wurde zugetragen, speziell Sie, mein junger Freund, seien fest in dem Glauben, Sie kämen aus der Zukunft.
Charles Dickens: Hört! Hört! Ein Zeitreisender. Sehr amüsant.
S. Freud: Ich will meine Nase ja nicht in Ihre Angelegenheiten stecken, aber …
Ich: Nase ist ein gutes Stichwort, mein Herr, Sie haben da etwas Weißes an Ihrer Nase.
Bäckerin: Ha, das ist Mehl. Herr Freud. Ach, wie schön ein Kollege.
Virginia Woolf: Wir alle hier glauben, dass Sie uns besser kennen, als wir es selbst vermögen. Bitte sagen Sie, warum – zum Beispiel – zieht es den Herrn Celan und mich ständig zum Fluss hin? Nicht wahr? Sie wissen das.
Ich: Weil sie beide in einem Fluss ihr Leben verloren haben.
Paul Celan: Wie meinen Sie das? Sie glauben, Virginia Woolf und ich seien tot?
Ich: Sie alle hier sind seit langer Zeit schon tot.
Der Chor der Dichter und Denker: Wir sind nicht tot, wir sind nicht tot, wir leben noch – und wie.
Bäckerin: Sieh nur, was Du da angerichtet hast. So verraten die uns doch nie, wie wir heimkehren können.
Ich: Verzeihung, das war mein Fehler, sie sind alle unsterblich geworden, in Flüssen, in Betten, an Laternen, mit Pistolen, im Schnee und so weiter.
Bukowski: WAS? Ich bin unsterblich? Verdammt, mir bleibt aber auch nichts erspart.
Bäckerin: Wir wollen diese Feier auch gar nicht weiter stören. Bitte helft uns.
Nietzsche: Wir können da keine Hilfe sein. Ihr müsst das Orakel aufsuchen.
Ich: Wo finden wir es?
Dostojewski: Na, im Schloss.
Bäckerin: Ein blasser Mann sagte uns letzte Nacht, dass wir nie nie nie das Schloss erreichen können.
Nietzsche: Ah, das war K., war er in Menschengestalt oder sah er eher wie ein Insekt aus?
Bäckerin: Ein Mensch war er. Es gibt doch keine sprechenden Insekten in echt. Sie haben wohl als Kind zu oft die Biene Maja geschaut, Herr Nietzsche.
Sylvia Beach: Wie auch immer, Friedrich hat recht, geht in das Schloss und befragt das Orakel. Nur da kann man euch helfen.
Ich: Wir gehen nun – und ihr könnt mit der Feier endlich beginnen.
Bäckerin: Macht es gut, liebe Unsterbliche – es war schön bei euch.
Ich: Adieu.
Der Chor der Dichter und Denker: „Jetzt tanzen alle Puppen, / macht auf der Bühne Licht, /macht Musik bis der Schuppen / wackelt und zusammenbricht.“
Bäckerin: Was, wenn der blasse Mann uns abhalten will, ins Schloss zu gelangen.
Ich: Wir werden ihn gar nicht sehen.
Bäckerin: Seltsam, die Tür vom Schloss steht offen.
Ich: Wir treten einfach ein.
Eine Haushälterin: Da sind sie ja. Mein Name ist Celeste. Der Herr wird sie gleich empfangen.
Ich: Er ist das Orakel der Weltliteratur? Das hätte ich mir denken können.
Eine Stimme aus dem Nebenzimmer: Sie wären nicht der, für den ich Sie halte, wenn Sie nicht schon jetzt wüssten, wer ich bin – und wo sonst hättet ihr hinkommen sollen, ihr musstet zu mir, denn ihr zwei seid nur aus einem Grunde hier – ihr habt die Zeit verloren und nun müssen wir uns gemeinsam auf die Suche nach der verlorenen Zeit begeben.
Ich: Sie sind Marcel Proust.
Marcel Proust: In voller Größe und ungeschminkt. Seien sie beide mir sehr willkommen.
Bäckerin: Herr Proust, Ihr Bademantel ist vorne offen, man kann Ihren kleinen Marcel sehen.
Marcel Proust: Oh, verzeihen Sie – ich bin an Besuch nicht gewöhnt. Celeste, bereiten Sie bitte alles so vor, wie wir es besprochen haben.
Bäckerin: Sie wussten, dass wir kommen?
Marcel Proust: Ja, schon immer. Sie wollen wieder heim, liege ich da richtig?
Ich: Ja, bitte – wir sind keine Unsterblichen, wir sind vielleicht nur aufgrund eines Versehens hier.
Marcel Proust: Natürlich, nur ein Versehen. Bitte kommen sie mit, es ist nun alles vorbereitet.
Bäckerin: Was ist das? Ist das ein Badezuber voll mit Milchkaffee?
Marcel Proust: Ja, sie müssen beide in den Zuber steigen, sich umarmen und küssen und untergehen – und dann irgendwo da unten auf dem Grund des Milchkaffees ist ihre Welt. Sie haben sich doch schon mal geküsst, oder?
Bäckerin: Ja, das war bei den Außerirdischen, den haben wir die Liebe gebracht, die singen nun alle.
Marcel Proust: Bei den Außerirdischen, fein, fein – nun steigen sie schon in den Milchkaffee.
Bäckerin: Komm, es wird alles gut gehen.
(Die Bäckerin und ich klettern in den Milchkaffee und umarmen uns.)
Marcel Proust: Passen sie gut aufeinander auf und Dir, mein Junge, muss ich noch etwas ins Ohr flüstern: ………….
(Dann küssen sich die Bäckerin und der Junge und lassen sich in den Milchkaffee gleiten und gehen unter und sind weg.)
Der Vater der Bäckerin: Herr im Himmel, wie seht ihr denn aus? Und wo habt ihr euch überhaupt die ganze Zeit rumgetrieben? Ab nach oben. Wascht euch und dann gibt es Abendbrot. Ich dreh hier noch mal durch mit den beiden.
Bäckerin: Vorsicht, nicht dass Du die Treppen hochstolperst, warte, ich mache erst das Licht an. Du? Was hat Marcel Proust Dir da eigentlich ins Ohr geflüstert?
Ich: „Wir sehen uns wieder.“

Ende

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Ein falsches Jahrhundert 3

Bäckerin: Wer sind Sie – und warum streichen Sie über mein Gesicht und wecken mich?
Der Sanftmütige: Verzeihen Sie, Sie schlafen auf meiner Bank, nach einem ausgedehnten Morgenspaziergang sitze ich gern ein wenig, ruhe aus, denke so dies und das – ach, mein Name ist Robert Walser. Ich habe ihn hier aufgeschrieben. Bitte.
Bäckerin: Das ist eine Erbse, Sie haben Ihren Namen auf eine Erbse geschrieben, so klitzeklein – ich kann es nicht lesen.
Robert Walser: Ich will nicht gelesen werden, nicht mehr – man kann sich dem literarischen Treiben wohl nur entziehen, indem man nicht mehr gelesen werden kann. Ihr Begleiter schläft aber tief und fest.
Bäckerin: Hmm, wenn Sie nicht mehr gelesen werden wollen, dann schreiben Sie doch einfach nicht mehr. Mein Begleiter scheint sich hier geborgen zu fühlen, darum schläft er, wie er schläft.
Robert Walser: Man kann ja schlechterdings nicht einfach das Schreiben bleiben lassen, wie soll einer wohl existieren, ohne sich den Kummer von der Seele zu schreiben – nur lesen, lesen soll es niemals mehr wieder wer. Ich spaziere nun weiter, meine Liebe, Ihr Begleiter und Sie – gehen Sie in den Buchladen der Sylvia Beach, Frau Beach ist ein braver Mensch, sie hilft, wo sie nur kann – aber draußen dürfen sie nimmer schlafen, Sie müssen wissen, es schneit bald – und man kann sterben im Schnee.
Ich: Mit wem hast Du da eben gesprochen?
Bäckerin: Dort hinten läuft er und wird immer kleiner, er hat mir eine Erbse geschenkt, auf der sein Name steht: Robert Walser heißt er und sagte, man könne im Schnee sterben.
Ich: Er weiss, wovon er spricht.
Bäckerin: Wir sollen in den Buchladen von einer Frau Beach gehen, da hilft man uns.
Ich: Gut. Dann lass uns aufbrechen, wir fragen den ersten Menschen, den wir treffen, nach dem Weg.
Bäckerin: Da ist ein Fluss, der durch den Ort geht, dem folgen wir.
Ich: Siehst Du? Dort hinten sitzen zwei Menschen am Ufer, die fragen wir.
Bäckerin: Guten Morgen, wir sind gestern hier erwacht, kennen uns gar nicht aus, haben mit Poe und Nietzsche geredet, Herr Nietzsche war, aber sagen Sie das nicht weiter, ein wenig seltsam, dann haben uns Dostojewski und Bukowski beim Käferwettrennen übers Ohr gehauen, wir haben im Park geschlafen, wurden von Robert Walser geweckt, der uns eine Erbse gab, auf die er seinen Namen geschrieben hat und sagte, wir sollen zu Sylvia Beach gehen – ach, und Balzac will immer seinen Hut behalten, er will ihn einfach nicht hergeben. Wissen Sie wo hier der Buchladen ist?
Die Frau am Fluss: Guten Morgen, so ist es uns allen ergangen, eines Morgens wurden wir wach und waren in Anderwärts, es ist schön hier, gewiss – mir fehlt die Zeit, also wörtlich, weil es sie hier nicht gibt, nur weil es in Anderwärts keine Zeit gibt, haben wir unendlich viel davon, aber so ein Gong, der einem die Stunde verrät, wäre schon schön, ach je, ich gebe heute am Abend eine Gesellschaft, ich muss noch Blumen dafür besorgen, das will ich erledigen, aber immer zieht es mich zum Fluss, immer.
Ich: Ich weiss.
Der Mann am Fluss: Sie wollen in den Buchladen, hin zu Sylvia Beach, die hat ein übergroßes Herz, ist stets für alle da, man geht zu ihr und sie weiss, was einem fehlt, nur manchmal fehlt etwas, das kann dir niemand geben, du suchst und ahnst nicht mal, wonach du dich sehnst, so stolpert man durch all die Tage, liegt Nächte wach und kann nicht träumen – und immer zieht es mich zum Fluss, immer.
Ich: Ich weiss.
Bäckerin: Wo lang denn nun?
Ich: Wir folgen dem Fluss.
Die Frau am Fluss: Paul, ich glaube fast, der Junge kennt uns.
Der Mann am Fluss: Ich bin mir sicher, Virginia, dass er genau weiss, wer wir sind.
Virginia Woolf: Und er hatte nicht einmal Angst vor mir.
Paul Celan: Weil er mehr gesehen hat, es gibt Menschen, die blicken dir so tief ins Herz, die sehen das Schöne in dir.
Virginia Woolf: Und er weiss, weshalb es uns immer zum Fluss zieht – das wissen ja nicht einmal wir.
Paul Celan: Die beiden Menschen bringen uns vielleicht mehr, als wir ihnen je geben können.
Bäckerin: Da vorne ist ein Buchladen.
Ich: Wir sind gerettet.
Der blinde Seher: Da seid Ihr ja endlich. Schon einen ganzen langen Tag hindurch warten wir auf Euch. Und so ein Tag – wer wäre fähig, all die Gedanken, die einem da kommen, zu erfassen.
Sylvia Beach: Lass gut sein, James, die zwei Neuen müssen Hunger und Durst haben. Kommt rein.
James Joyce: Auch wenn ich nichts mehr sehen kann, ich kann all Eure Gedanken hören, dieses Stimmengewirr, diese Melodie.
Ich: Es tut mir leid, Mister Joyce, dass Sie nun völlig erblindet sind.
James Joyce: Das muss es nicht, mein Junge, was ich lesen wollte, habe ich gelesen, was ich schreiben wollte, schrieb ich nieder – für mich gibt es hier in Anderwärts nur noch die Musik – und geschlossene Augen und die Musik sind doch seit je eine Einheit.
Sylvia Beach: Es ist früh am Morgen, hier sind frische Brötchen, vorsicht – sie sind noch warm, da ist Butter, da ist Schinken, Rührei und Speck – und Milchkaffee, glaubt mir, im Morgengrauen hat ein Milchkaffee mehr Poesie als jedes Gedicht, ganz egal in welcher Welt man gerade ist.

Fortsetzung folgt.

Ein falsches Jahrhundert 2

Bäckerin: Haben wir überhaupt Geld?
Ich: Mein Brötchengeld habe ich dabei.
Bäckerin: 2 Euro? Das reicht doch nicht.
Ich: Wir sind vorhin an einer Spielbank vorüber gelaufen, vielleicht können wir da etwas gewinnen.
Bäckerin: Wir gehen in eine Spielhölle? Na, schön. Lass uns unser Glück versuchen.
Der Herr am Einlass: Haben Sie einen Hut?
Bäckerin: Nein, wir haben keinen Hut.
Der Herr am Einlass: Denn wenn Sie einen Hut haben, müssen Sie ihn hier bei mir abgeben.
Ich: Was wird denn hier gespielt? Wir kennen uns in diesen Dingen nicht aus.
Der Herr am Einlass: Gehen Sie, gehen Sie zu dem dünnen, russischen Mann da hinten, der wird Ihnen alles erklären, er verbringt fast seine ganze Zeit hier – und Zeit haben wir in Anderwärts reichlich.
Ich: Guten Tag, der Mann am Einlass schickt uns, wir wollen unser Geld vermehren und er sagt, Sie würden uns dabei helfen.
Der dünne, russische Mann: Sie wissen wer ich bin? Natürlich wissen Sie es. Ich habe das in Ihren Augen gesehen.
Ich: Sie sind Dostojewski.
Dostojewski: Der bin ich. Und ich werde Ihnen helfen. Ich habe ein todsicheres System. Wir können gar nicht anders als verlieren.
Bäckerin: Also sind Sie arm, Herr Dostojewski?
Dostojewski: Ach, mein Kind – die Gesellschaft sorgt dafür, dass Menschen wie wir nie unserem Kellerloch entkommen, wir werden immer ganz unten bleiben, in Lumpen gehüllt, mit nichts als Hoffnungslosigkeit in den Augen.
Ich: Was spielt man denn hier?
Dostojewski: Haben Sie Geld?
Ich: Ja, hier. Das sind 2 Euro.
Dostojewski: Euro? Nie gehört. Na, egal. Suchen Sie sich einen Käfer aus. Sie können auf meinen Käfer oder auf den Käfer des besoffenen Dichters mit dem gelben Hemd setzen.
Ich: Sie veranstalten hier Käferwettrennen?
Der besoffenen Dichter im gelben Hemd: Jungchen, das ist das einzige Glücksspiel hier in Anderwärts. Ich würde auch viel lieber auf ein Pferd wetten. Aber was nicht ist, ist nicht. Was uns bleibt, sind die Käfer, das Bier, der Wein, ab und an eine Frau und die Gedichte. Früher, da rannten sie mir die Bude ein, klauten meine Gedichte, soffen meinen Wein und erzählten später überall rum, dass sie bei Bukowski gewesen wären und dass ich am Ende sei.
Ich: Sie sind der Mann mit der Ledertasche? Ich hätte Sie fast nicht erkannt. Es ist mir eine Ehre, mit Charles Bukowski und Dostojewski ein Käferwettrennen zu beschauen.
Bäckerin: Darf ich den Käfer aussuchen?
Ich: Ja, Du bringst uns Glück.
Bäckerin: Wir nehmen den Käfer da, dem fehlt zwar schon ein Bein, aber ich glaube, der macht das Rennen.
Dostojewski: Gut, das sind die Regeln: wenn Euer Käfer gewinnt, dann bekommt Ihr unsere Einsätze, wenn unser Käfer gewinnt, dann bekommen wir Euren Einsatz.
Ich: Also verlieren wir mein Brötchengeld so oder so?
Bukowski: So sind die Regeln, Junge.
Bäckerin: Was sind denn Eure Einsätze?
Bukowski: Ich setze die halbe Flasche Wein hier.
Dostojewski: Und ich das Manuskript hier.
Bäckerin: Wir spielen nicht mehr mit, das ist ungerecht.
Dostojewski: Als ob es möglich wäre, einer unglücklichen Situation zu entgehen, indem man einfach sagt, man spiele nicht mehr mit.
Bukowski: Die Käfer laufen schon.
(Batsch!)
Bäckerin: Du hast unseren Käfer zermatscht.
Bukowski: Nicht doch, Kindchen, das war ein Unfall.
Ich: Das ist ungerecht.
Dostojewski: Seien Sie kein Narr, als gäbe es für Menschen wie uns je etwas anderes als die Ungerechtigkeit, sie wurde erschaffen, um Menschen wie uns klein zu halten. Nehmt das Manuskript und den Wein und geht, es ist schon dunkel draußen.
Der Mann am Einlass: Entweder Sie geben Ihren Hut ab oder Sie bleiben draußen.
Ein dicker Mann mit Hut und ohne Zähne: Ich werde meinen Hut nicht abgeben, ein Mann ohne Hut ist ein Mann ohne Würde – und ich lasse mir meine Würde nicht nehmen, nicht von Ihnen und auch sonst von keinem Menschen.
Der Mann am Einlass: Herr Balzac, es ist doch immer wieder ein Ärgernis mit Ihnen, jedes Mal diese Streitereien, mit Hut kommen Sie hier nicht rein.
Bäckerin: Balzac will seinen Hut nicht abgeben.
Ich: Ja, denn in einen Hut kann man etwas Geld reinwerfen, aber wenn er ihn abgibt, was bleibt ihm dann noch? Und Geld hat Balzac bitternötig.
Bäckerin: Wir auch.
Ich: Lass uns in diesen Schlosspark da gehen, wir setzen uns auf eine Bank bei den Laternen, trinken den Wein aus und ich lese Dir aus dem Manuskript vor.
Bäckerin: Wer ist der Kerl da? Steht in der Dunkelheit und starrt zum Schloss, als sehne er sich danach, da hinauf zu gelangen.
Der blasse Mann in der Dunkelheit: ich kann ihr flüstern hören ich weiss sie haben den tod eines käfers erlebt ich weiss wir werden nie nie nie das schloss erreichen ach ich weiss eigentlich gar nichts.
Ich: K.?
Der blasse Mann in der Dunkelheit: sprechen sie nie meinen namen aus hören sie niemals menschen wie ich sagt vater haben keinen namen verdient.
Bäckerin: Lass uns gehen, bitte – der ist mir unheimlich.
Ich: Er ist unsicher und verzweifelt und ganz gewiss unglücklich verliebt. Komm, wir setzen uns auf diese Bank da.
Bäckerin: Ich trinke Bukowskis Wein und Du liest mir aus dem Manuskript von Dostojewski vor. Man kann eine Nacht auch schlechter verbringen, oder?
Ich: „Es war eine wundervolle Nacht, eine solche Nacht, wie sie vielleicht nur vorkommen kann, wenn wir jung sind, lieber Leser. Der Himmel war so voller Sterne und Helligkeit, dass man sich bei seinem Anblicke unwillkürlich fragen musste: können denn wirklich unter einem solchen Himmel allerlei ärgerliche, launische Menschen leben? …“

Fortsetzung folgt.

Ein falsches Jahrhundert 1

Bäckerin: Was ist denn nun los?
Ich: Wir sind im falschen Jahrhundert erwacht.
Bäckerin: Wie geht es weiter?
Ich: Ich weiss es doch auch nicht.
Bäckerin: Es ist die Vergangenheit.
Ich: Ich vermute wir sind im 19. Jahrhundert.
Bäckerin: Das kann doch nicht wahr sein.
Ich: Wir müssen einen Menschen finden.
Bäckerin: Da vorne läuft wer.
Ich: HALLO. Ja. Sie da.
Der Mensch: Wesenthalben erfrechen Sie sich, dergestalt lauthals nach mir zu rufen?
Ich: Welches Jahr schreiben wir?
Der Mensch: Wie meinen Sie das?
Bäckerin: Und wo sind wir?
Der Mensch: Jener Ort, allwo wir hier weilen, heißt Anderwärts.
Bäckerin: Wir sind in Anderwärts?
Der Mensch: Sehr wohl.
Ich: Und wer sind Sie?
Der Mensch: Edgar.
Bäckerin: Hallo, Edgar.
Edgar: Sind Sie Lady Ligeia? Und wer ist der Herr da neben Ihnen?
Bäckerin: Ich bin keine Lady und das da ist *****.
Ich: Sie frugen meine Begleiterin, ob sie Lady Ligeia sei, demnach sind Sie Edgar Allan Poe?
Edgar: Höchstselbst.
Ich: Wie kann das sein?
Edgar: Nun, wir sind in Anderwärts.
Ein Mann mit Bart: Ah, guten Morgen die Herrschaften.
Edgar: Guten Morgen, Herr Nietzsche – recht früh auf den Beinen.
Ich: Nietzsche? Friedrich Nietzsche? Sie dürften noch gar nicht so alt sein, sie werden nie Edgar Allan Poe begegnen.
Nietzsche: Oh, ein Narr – der glaubt, dass die Zeit und der Raum hier in Anderwärts Bedeutung haben.
Bäckerin: Ihr Bart ist lustig.
Nietzsche: Und wer sind Sie, wenn ich fragen darf?
Bäckerin: Die Bäckerin.
Edgar: Sie wissen, wer Sie nicht sind, Sie wissen, wer Sie sind, Sie scheinen die Klüger zu sein.
Nietzsche: Eine kluge Frau, die einen Narren bei sich hat – ich hoffe, sie beide bleiben länger hier.
Ich: Wir kommen aus der Zukunft.
Nietzsche: Köstlich, dieser Narr, schlicht und amüsant.
Edgar: Sie kommen aus der Zukunft? Darüber werden wir noch zu reden haben.
Nietzsche: Kommen Sie, mein teuerster Allan Poe, man sagt, im Buchladen von Madame Beach sei ein neuer Roman von diesem Balzac eingetroffen.
Edgar: Ach je, dieser Balzac schreibt, als hänge sein Leben davon ab – da jagt ein Buch das nächste.
Nietzsche: Ja, diese Vielschreiber – es ist ein Kreuz mit ihnen.
Edgar: Das ausgerechnet Sie nun das Kreuz erwähnen – zu drollig!
Nietzsche & Poe: Ha. Ha. Ha. Ha. Ha.
Bäckerin: Na, das kann ja heiter werden.
Ich: Irgendwas stimmt hier nicht.

Fortsetzung folgt.

So ein Novembertag

Der Monat war schon erheblich fortgeschritten, was aber nicht von Bedeutung für unsere kleine Geschichte ist, was natürlich mächtiger Blödsinn genannt werden darf, denn alles hat seine Bedeutung und man muss nur die Augen auftun, aber davon soll heute nicht die Rede gehen, ich hätte zudem besser damit begonnen: „An einem 29. November vor nicht gar so vielen Jahren trug sich Nachfolgendes zu.“ – da jedoch der Anfang gemacht wurde, wie er zu lesen steht, wollen wir nicht murren und versuchen besser fortzufahren, als wir begonnen haben; es lag Schnee, den braucht man, sonst ist die Szene nicht genug einsam, kalt war es sehr, das sah man an den roten Nasen und Ohren all der Menschen, die freilich nicht im Widerspruch zur eben erwähnten Einsamkeit stehen, darauf nun näher einzugehen, es ins Weite und Breite zu klären, hieße, philosophisch zu werden, ja werden zu müssen – und das hinwiederum ließe den Fluss der Erzählung, welcher zum augenblicklichen Zeitpunkt noch nicht so eindeutig erkennbar ist, stocken lassen, also halten wir es bloß linkerhand fest, dass die Einsamkeit inmitten der Menschen wenigstens für unsere Geschichte hier möglich erscheint; wo waren wir stehen geblieben, könnte ich jetzt fragen, wären wir nur schon losgelaufen, womit wir aber nun wirklich beginnen wollen, dieses Verharren noch immer im 1. Satz hat ja durchaus etwas Eigenwilliges, da schiebt einer die Worte kreuz und quer durch die Geschichte, ohne sich recht auf den Weg zu machen, aber das hat ein Ende: 29.11., Schnee, Kälte, ein einsamer Mensch, viele Menschen mit roten Ohren und Nasen und (und das füge ich nun bei) eine große Stadt, das alles sind prächtige Zutaten, die ein guter Koch in eine schmackhafte Erzählung verwandeln könnte, nun bin ich eher kein Mann des Kochens, meine Nahrung ereilt mich gern fix und fertig in Form alter Romane, verzwickter Philosophiewerke oder klangvoller Gedichte, allein, wir lassen die Hoffnung nicht fahren, dass unsere kleine Geschichte doch noch in Gang kommt; wie ich also inmitten der großen Stadt, der Schnee glitt vom Himmel, als wolle da wer eine Probe Sanftmut abliefern, stand und dem Treiben all der Menschen, deren Hektik den Gegensatz zu meinem Stillstand bildet, zusah, dachte ich so bei mir (was nicht mehr als eine verliebte Wortspielerei ist, wo sonst, wenn nicht bei mir sollte ich wohl gedacht haben): ‚Schau an, die Menschen haben rote Ohren und Nasen, so kalt ist es schon und wir haben noch nicht mal Dezember, na ja, es fällt ja auch tüchtig Schnee vom Himmel, da kann das schon passieren!‘, dann lief ich heim und achtete nicht weiter auf die anderen Menschen, so war das damals im November vor etlichen Jahren – ich finde, diese Geschichte musste erzählt werden, es wurde auch kein Detail ausgelassen, damit der Leser sich ein Bild machen kann, wie so ein Novembertag doch reich an Erlebnissen ist.

Das erste Mal

Es war früh am Abend, als ich in die große Stadt kam, die Wohnung war schon hergerichtet, dergleichen kann ich nicht, man hatte es für mich getan, so brauchte ich nur ankommen und da sein, dem Landleben hatte ich den Rücken gekehrt, war nun in der Stadt, allein – aber allein war ich immer, schon als ich mit dem Buch in der Hand durch den Wald ging und die Leute im Dorf sagten, ich sei nicht ganz richtig und ich tat, als dringe ihr Reden nicht zu mir durch, aber das war ein anderes Leben, wie man so sagt, ich war nun in der Stadt, in der neuen Wohnung und dachte ’na schön‘, dann ging ich die Gegend erkunden, setzte mich auf eine Mauer, besah mir die Menschen, wie Zugvögel glitten sie vorüber, hatten es eilig der kalten Stätte ihrer Taglast zu entfliehen und in die wärmeren Gefilde, in den Feierabend zu gelangen, das alles war an einem Abend Ende September, bald schon dunkelte es und ich blickte auf den Fluss und meine Augen vertrugen anfangs die Bilder der sich spiegelnden Lichter kaum, ich zog mich in ein Gasthaus zurück, allwo mir ein Abendessen serviert wurde, dazu trank ich Bier und las, all mein Essen schneide ich immer klein, damit ich es mir beiläufig in den Mund schieben kann, nur eine Gabel gebrauchend, damit ich von der Nahrungsaufnahme ungestört lesen kann, damit ich nicht überfordert bin von zu großen Bissen, saß da in der neuen Stadt, speiste wie ein Dorfkind – ungelenk und wenig fein – und las, das Buch hieß, ich weiss es noch genau, „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“, saß da in der neuen Stadt und vor mir lag dieses Werk von Dostojewskij und ich trank Bier und vertilgte mein Abendessen, hatte die Städter von meiner Mauer aus gesehen, hastig und mit ausdruckslosen Augen flogen sie vorbei, kühl war es damals schon, Ende September und wenn ich es mir wünsche und Sie als Leser nichts einwenden, ging an jenem Abend Ende September auch noch ein Nieselregen hernieder, netzte das Pflaster der Gehsteige, bis es im Schein der Straßenbeleuchtung glänzte – „Doch übrigens, wissen Sie: ich bin überzeugt, dass man unsereinen, den Kellerlochmenschen, im Zaume halten muss. Er ist wohl fähig, vierzig Jahre lang stumm in seinem Kellerloch auszuharren, kommt er aber ans Licht, dann geht es mit ihm durch, dann redet er, redet, redet, redet …“, las ich in Dostojewskijs Buch, als der Nachtisch kam, ich bin, seit ich die Augen auftat, ein glühender Verehrer von Nachtischen, unter uns: ich esse den Hauptgang nur, um ruhigen Gewissens über den Nachtisch herfallen zu dürfen, was natürlich nur Gerede ist, aber wie Dostojewskij einst schrieb: kommt der Kellerlochmensch ans Licht, dann redet und redet er, ich also zahlte die Rechnung und um der Wahrheit das Wort zu reden, ich tat dies erst nach einem zweiten Nachtisch, was oberflächlich betrachtet nichts zur Sache tut, aber immerhin, wir essen nun mal nicht ohne Grund und nicht selten essen wir nicht nur, um den knurrenden Magen zu beruhigen, nun habe ich mich ja schön verplappert; ich verließ also das Gasthaus und ging dahin, wo ich wohnte, der Abend verlief sehr still, ich naschte noch ein paar Kleinigkeiten und las Dostojewskij und schaute aus dem Fenster und stand in der Mitte des Raums und lag barfuss auf dem Bett und schlief irgendwann ein und träumte und nichts von dem ging in Erfüllung und wachte in der Morgenfrühe auf und hatte furchtbaren Hunger und machte mich auf die Suche nach einer Bäckerei, so ging ich los, es war Ende September, da war es noch Dunkel, ich war neu in der Stadt, die Straßen funkelten, waren nass vom Regen, kühl war es und ich kannte mich nicht aus, ich war ja erst am Abend zuvor angekommen, hatte auf einer Mauer gesessen, in einem Gasthaus gegessen, Dostojewskij gelesen und Ruhe bewahrt, da sah ich am Ende einer Seitenstraße ein Leuchten, auf das strebte ich zu, als ich näher kam, erkannte ich eine Bäckerei, die wohl schon offen war, zögerlich – ich war ja noch neu in der Stadt, da fällt man nicht mit der Tür ins Haus – trat ich ein, natürlich klingelte eine kleine Glocke, jene über der Tür angebracht war, es duftet so wundersam, dass ich mit dem Riechen gar nicht nachkam, es war warm und eine dralle Schönheit schaute mich an und ich staunte mit meinen Karfunkelaugen über sie und wie wir uns gegenseitig beschwiegen und ich mit dem Oberkörper wippte und sie auf ihrer Unterlippe kaute und dann zum ersten Mal jener Dialog anhob:

BÄCKERIN: Wer bist Du? Ich habe habe Dich hier noch nie gesehen.
ICH: Ich bin die Liebe und auf der Suche, seit es mich gibt.

Jean Genet

Das erste Buch von Jean Genet, welches ich las, war der Roman „Tagebuch eines Diebes“, ich wurde neugierig gemacht, da ich erfuhr, dass dieses Werk neben den Büchern „Entweder – Oder“ von Sören Kierkegaard und „Ecce Homo“ von Friedrich Nietzsche als offenherziges Zeugnis der Selbstdarstellung gilt, ehedem war ich genug jung für derlei Schlingen.

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Es war, zumal mich die Lektüre dieses Romans dahin bracht, nach Beendigung der letzten Seite zur ersten zu blättern und ihn erneut zu lesen, beschlossene Sache, weitere Bücher des Dichters (und selten trifft der Terminus Dichter besser zu) Jean Genet zu erwerben, so kaufte ich „Notre-Dame-des-Fleurs“

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und „Querelle“

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hinzu.

Jean Genet lebte (und wie!!!) von 1910 bis 1986, mit 15 steckte man ihn in eine sogenannte Besserungsanstalt, diese floh er, schlug sich als Vagabund durch, bot sich feil, war Dieb, Verräter, wurde aus fünf Ländern gejagt, war zwischen 1937 und 1943 dreizehnmal zu Gefängnis verurteilt und weilte hier und da unter fünfzehn verschiedenen Namen.

In seinen Werken umflort er das Verbrechen und den Verbrecher mit dergestalt lyrischen Sätzen, wie ich sie bis dahin (und ich lese um mein Leben!) nie gekannt habe, seinen Roman „Notre-Dame-des-Fleurs“ widmete er einem Mörder: „Ohne Maurice Pilorge, dessen Tod mir noch immer das Leben vergällt, hätte ich dieses Buch niemals geschrieben. Ich widme es seinem Gedächtnis.“ steht da zu lesen. Seinen Roman „Tagebuch eines Diebes“ widmete er Satre, dem er viel zu verdanken hatte.
Man kommt, so man mit einem fühlenden Herzen begabt ist, nicht ohne Ekel durch das Werk Genets, zuweilen möchte man sich schämen dafür, dass man das Böse und Ekle dergestalt begierig verschlingt, er beschreibt den Speichel eines Luden, als schildere er uns guten Wein, er verherrlicht den Verrat, und lässt uns die Gemütsergetzung wissen, jene ihn heimsuchte, als er die Traurigkeit dessen, der verraten wurde, gewahrte, er besingt die Verdorbenheit, doch lesen Sie selbst: „Habe ich einen Sträfling – oder einen Verbrecher – darzustellen, so schmücke ich ihn mit so vielen Blumen, dass er selbst zwischen ihnen untertaucht und als andersgeartete, übergroße Blume neu ersteht. Aus Liebe zum sogenannten Bösen suchte ich das Abenteuer, und es brachte mich ins Gefängnis.“ (Tagebuch eines Diebes)

Wenn auch Sie auf der Suche nach einem Abenteuer sind (mit allem, was ein Abenteuer ausmacht: Schrecken, Angst, Glückseligkeit) dann empfehle ich Ihnen das Leseabenteuer Jean Genet.