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Allzeit verwundbar

Januar 27, 2015

Als er tot war, erfuhr ich davon durch einen Anruf.

Gestorben wurde in meinem bisherigen Leben immer weit weg.

Ich stellte mir seine Lippen vor, wie sie am Ende ganz ausgetrocknet waren.

Dann sehe ich ihn mit seinen dunklen Haaren, seiner braungebrannten Haut, seinen großen Händen, wir sitzen auf dem Dach des Schuppens, um uns sind Zweige, die wir im Wald unfern der Fischerquelle fanden, die Zweige sind frisch, wir schnitzen sie spitz, bei ihm darf ich ein Taschenmesser haben, er ist sechsmal so alt wie ich, tritt aber nicht so auf, der Sommer verwöhnt uns mit Wärme und Licht, wir schweigen viel, wenn wir reden, albern wir rum, dieser Mann soll ganze Kneipen zertrümmert haben, soll sich so wenig verstanden gefühlt haben, dass der Jähzorn wieder und wieder ausbrach, nun sitzt er auf dem Dach des Schuppens mit mir, wir grüßen von da die Menschen, die den Berg hochgehen, alle kennen ihn, wissen, wie gern er trinkt, ich höre ihn nie ein böses Wort sagen, wenn seine Sätze unverständlich werden, legt er sich auf die viel zu schmale Eckbank in der Küche und schnarcht, ich sitze aufgeregt im angrenzenden Wohnzimmer und warte, warte, bis er wieder erwacht, er schläft wie ein Stein, wie ein Toter.

Mein Großvater sah aus wie Ernest Hemingway, stand in einer Pfütze aus Sonnenlicht und war allzeit verwundbar.

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One Comment
  1. Starker Text. Starkes Bild, das du da zeichnest. Ich freue mich, mit dir in diesem Buch zu sein. Und mit vielen anderen Autorinnen und Autoren.

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