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Eine fremde Welt – Brief 4

Juni 4, 2013

Liebste Bäckerin,

wenn Du diesen Brief erhältst, bin ich schon fast bei Dir, ich schreibe Dir von Bord eines seltsamen Schiffes, welches mich an das Ende der anderen Welt bringt, die See ist ruhig wie ein Spiegel, der Kapitän Einstueckkaese ist zumeist unter Deck, ich sitze im Licht eines anbrechenden Tages und alles ist wie in diesen Romanen, von denen Du schon gehört haben wirst — doch der Reihe nach: ich bin noch vielen seltsamen Wesen begegnet, ehe ich den Kapitän fand, gewiss hätte ich mich in dieser fremden Welt vollends verirrt – wie es übrigens nicht wenigen Wesen hier ergangen sein muss, denn sie haben einen solch starken Glauben an diese andere Welt, dass man sprachlos ist -, wäre da nicht jene Troedelkatze gewesen, die die Wege wohl kannte und sie mir zeigte, denk Dir nur, jeden Freitag treten die meisten Bewohner dieser Welt an, um immer wieder einer bestimmten Hymne zu lauschen, sie sind seit Jahren schier außer sich vor Begeisterung, werfen mit Sternen um sich und feiern den Mann, welcher die Hymne singt, wie einen Heilsbringer, die Zarenfrau ist übrigens nicht die Vorgesetzte hier, sie sorgt sich aber sehr um die Bewohner, in regelmäßigen Abständen schenkt sie diesen Wesen Kunst und lässt sie eine Serie schauen, die allen die Augen erleuchtet, sogar dem Stadtschreiber bin ich begegnet, das ist der Peter, von vielen Herr Breuer genannt, er kommentiert das Geschehen jener Welt auf eine ganz eigene Weise, Du würdest seine Texte mögen, wie ich so durch die andere Welt irrte, traf ich in einer schlecht beleuchteten Gasse auf etliche Poeten, es waren die wegmüden Wesen, ihre Gesänge klangen durch die Nacht und in dieser Gasse regnet es immerzu, ein Hund lief an mir vorbei mit einem Farbeimer im Maul, er hielt unbeirrt auf ein Atelier zu, aber ich verlor ihn aus den Augen, da ich den Gesängen der Dichter folgte, plötzlich stellte sich mir eine Person in den Weg und stopfte mir Watte in die Ohren und sprach etwas, was ich natürlich nicht verstand, das Wesen nahm mich an die Hand und zog mich mit sich, irgendwann befand ich mich in einem Garten, der über die Maßen wild aussah, allüberall wuchsen seltsame Pflanzen und die Luft war erfüllt von schweren Düften, im Garten stand ein Klavier und da saß ein Mann mit einer Fliege, die Fliege war wohl handzahm, denn sie blieb die ganze Zeit über am Hals dieses Mannes sitzen, dieser Mann war der van Bohm, man nahm mir die Watte aus den Ohren und ich lauschte, berauscht von den Düften des Gartens, seiner Musik, es waren viele Wesen da, selbst der arschhaarzopf hatte seinen Zug verlassen, er stand an einem riesigen Grill, so groß wie eine Tischtennisplatte und bereitet allerlei Leckereien zu, hier nun erhielt ich den entscheidenden Hinweis, ich müsse ans Meer gehen, da würde der Kapitän Käse auf mich warten, ich solle mich an ihn halten, so verließ ich diesen Garten, ich glaube, etliche der Wesen dort, hielten mich für einen Sonderling, man flüsterte, dass aus mir in ihrer Welt nie etwas werden würde, läuft mit Watte in den Ohren und einem Buch ohne Titel unterm Arm durch die Nacht und will in die wahre Welt zurück, sagten sie, sie schienen sich einig zu sein, dass es eine wahre Welt gar nicht gibt, so gelangte ich auf die Straße und irrte weiter umher, plötzlich stand da wieder jener Turm vor mir, Du weißt schon, der, der sich ewig über die Insel bewegt, mein dickes Ich öffnete das Turmzimmerfenster und sprach also zu mir: „Du kannst noch einmal in den Turm kommen, nur musst Du nun die Treppen abwärts steigen, ganz unten ist ein Keller und am Ende des Kellers ist eine Tür und durch diese Tür gelangst Du zum Meer.“ – so, so, dann hat dieser NaumBurger das Meer immer bei sich, na da kann ich lange suchen, dachte ich mir und stieg die Treppen hinunter, diesmal waren die Stufen lauter Sätze, die, je näher ich dem Keller kam, immer länger wurden, über der Tür zum Meer hing eine Lampe, die mir ein falbes Licht spendete, ich ging auf die Tür zu, es roch nach Salzwasser und kalten Steinen, ich drückte die Klinke der Tür hinunter … und sie war verschlossen, aber hinter der Tür hörte ich eine Stimme: „Oh, oh – neben der Tür ist eine Wand, da müssen Sie durch … mit dem Kopf zuerst, Kerl!“ – ich versuchte es und tatsächlich glückte es mir beim ersten Versuch, ich stand am Meer und neben mir war der Kapitän Einstueckkaese: „So, Sie sind also der Junge, den ich ans Ende dieser Welt bringen soll, na ja, wenn ich Sie so anschaue, dann ist das doch kein schlechter Ort für Sie!“ – wir gingen auf sein Schiff, lösten die Taue, setzten die Segel und fuhren in die Nacht hinein, das Schiff schien den Weg zu kennen, es fuhr wie von selbst, der Kapitän verzog sich unter Deck und ich blieb allein zurück — als die Sonne über dem Meer aufging, verlangsamten wir unser Tempo, seltsam, noch einmal sah ich den Turm, er schwebte auf dem Wasser und hinter dem Turmzimmerfenster war mein dickes Ich und blinkte mit einer Taschenlampe, der Kapitän Käse stand wieder neben mir und ich frug ihn, was es mit dem Turm auf sich habe … „Welcher Turm, glauben Sie etwa dieses Märchen von einem Turm, der sich bewegt, alles übersinnlicher Quatsch, erfunden von subalternen Geistern, denen der Tag zu lang wird!“ – dann stand das Schiff still, wir waren gegen eine riesige dicke Glaswand gefahren, das Meer war einfach zuende und wir stießen mit dem Bug gegen diese Glaswand … „So, da wären wir nun, das ist das Ende der anderen Welt, Sie können durch jene Glaswand hindurch, bitte wieder mit dem Kopf zuerst und denken Sie dabei an den Ort, den Sie in Ihrer Welt erreichen wollen, dann fallen Sie direkt dahin!“ – nun hatte ich noch das Buch ohne Titel bei mir, ich schlug es auf, eine beliebige Seite, die Seiten waren auch nicht mit Zahlen versehen … was ich da las, kannst Du Dir nicht vorstellen, jedes einzelne Wort, welches wir je gesprochen haben, liebste Bäckerblume, war darin zu lesen, dieser NaumBurger hatte uns von Anbeginn an belauscht und alles aufgeschrieben, ich tat, worum er mich bat und warf das Buch ins Meer, dann drehte ich mich zum Kapitän und sagte: „Wenn man von unserer Welt aus durch diese Glaswand geht, dann ist es doch der Anfang der anderen Welt und nicht das Ende, oder?“ – dann ließ ich mich fallen und landet unsanft auf dem Weg, der mich Tag für Tag zu Dir führt – gleich werde ich bei Dir sein, werde wie immer fast alles zwischen die Zeilen legen und einsam mit einer Tüte voller Brötchen in einen weiteren Tag starten.

In Liebe, Dein N.

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One Comment
  1. zwirbelpuls permalink

    Alles Gute zum Geburtstag, lieber Herr Naumburger. Ich wünschen Ihnen eine angenehme Brise im Turmzimmer, einen wundervollen Ausblick und das eine oder andere beglückende Wort. Herzliche Grüße.

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