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Eine fremde Welt – Brief 2

Mai 29, 2013

Liebste Bäckerin,

nun mag ich Dir, wie versprochen, etwas mehr über die Wesen hier schreiben, ich stelle mir deren Leben in dieser Welt nicht einfach vor, es gibt gar Gerüchte, dass sich jene Wesen, wann immer sie die Nase voll haben von all dem, löschen, die sind dann weg, freilich weiss niemand wo sie sich nach dem Löschen aufhalten, manche kommen auch wieder, einer, der sich nicht löscht, ist ein gewisser Herr arschhaarzopf, er führt ein Leben, kann ich Dir sagen, fährt immer mit dem Zug durch diese Welt, Tag für Tag ist er ein Reisender – und weißt Du was? – er hat an jeder Bahnstation einen eigenen Kaffeebecher, da steht sein Name drauf, (kannst Du Dir das vorstellen?), Wesen, die ihn besser kennen, nennen ihn liebevoll Zopf, er hat auch Katzen, das ist hier aber Pflicht, glaube ich, fast alle haben Katzen, überdies legen sie großen Wert auf ihre Ernährung, weißt Du, sie essen hier aber nicht wirklich, sie sättigen sich, indem sie Fotos mit Nahrungsmitteln betrachten, das ist doch komisch, ich habe mir nun schon einige dieser Bilder angeschaut und mir knurrt der Magen ohne Unterlass, getrunken wird hier ausschließlich Bier, nur einer, der heißt German Psycho (unheimlich, oder?), der trinkt immer Champagner, dann lebt hier der Kapitän dieser Welt, das ist der Herr Einstueckkaese, ja, er ist der Kapitän, der schaut aus wie ein Filmstar, Anzug, schmucke Frisur und all das – aber jetzt muss ich Dir noch etwas ganz Seltsames erzählen, hier gibt es einen Turm, der ändert immer wieder seinen Standort, ja, Du liest richtig, meine Schöne, der Turm bewegt sich durch diese Welt, die Wesen hier sagen, ganz oben im Turm lebe eine Gestalt, welche über alles wacht, man könne aber nie das Turmzimmer erreichen, denn sobald man die Tür zum Turm öffnet, ist der Turm wieder verschwunden, das muss eine furchtbar einsame Gestalt sein da in dem Turmzimmer, nie Besuche, nirgends daheim, aber nun sage ich Dir etwas, ich war gestern am Abend bei ihm, vielleicht ist der Turm nicht verschwunden, als ich die Tür öffnete, weil ich nicht von dieser Welt bin, ich trat also ein – und denk Dir nur, die Treppe hoch ins Turmzimmer bestand aus alten Büchern, tausende Bücher bildeten die Treppe zu ihm, dann stand ich vor dem Turmzimmer und klopfte an, was mir da öffnete, verschlug mir die Sprache, das Wesen sah ganz genau so aus wie ich, nur war es viel dicker, da stand ich nun vor meinem dicken Ich, das trug einen lindgrünen Kimono und babyblaue Hausschuhe aus Plüsch und starrte mich entgeistert an, dann nahm es mein Gesicht in beide Hände, ganz sanft – und frug: „Schickt Dich die Bäckerin?“, ich konnte gar nichts sagen, da wohnt mein dickes Ich in einem Turm der sich bewegt, hat eine Treppe aus tausend Büchern und kennt unsere Geschichte, na ja, er bat mich dann rein, wir aßen Pizza mit doppelt Pizza, also schauten uns entsprechende Fotos an, es gab Bier und mein dickes Ich erzählte mir allerlei Sachen von verrückten Philosophen und verlorenen Dichtern, sitzt da in einem lindgrünen Kimono, hat babyblaue Plüschhausschuhe an und quatscht mich mit Nietzsche und Hölderlin zu, ab und an reichte er mir ein Foto mit einer Pizza drauf und sagte: „Essen Sie nur tüchtig, das ist die gute von Instagram!“, als ich ihn wieder verließ, sprach er also zu mir: „Du weißt, wer ich bin, nur darum konntest Du zu mir gelangen, ich selbst werde nie wieder eine Nähe haben, darum lebe ich in einem mobilen Leuchtturm, ich wache über all die Wesen hier, lasse sie sein, wie sie sein wollen, berühre sie ab und an mit unsichtbarer Hand und schaue aus der Ferne zu, Du aber darfst nicht so werden, dick und einsam, ich tauge bestenfalls noch zur Romanfigur, Du musst wieder zu ihr und halte fest, was Dich nicht unglücklich macht!“, er reichte mir ein Buch ohne Titel, sprach davon, dass ich es auf der Fahrt zu Dir ins Meer werfen möchte und sagte noch, ich solle mich an den Kapitän halten, der Kapitän Einstueckkaese wüsste einen Weg aus dieser Welt und würde mich heimwärts fahren – nun bin ich auf der Suche nach dem Einstueckkaese, vielleicht sehen wir uns bald wieder, meine Teuerste, ich werde Dir weiterhin schreiben, was ich in dieser Welt so erlebe, es ist eine fremde, seltsame Welt – randvoll mit Wesen, von denen ein jedes ein bisschen traurig ist.

Du weißt ja, was ich nicht sagen kann.
Dein N.

P.S.: Mein dickes Ich hier heißt NaumBurger – lustig, oder?

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2 Kommentare
  1. „Halte fest was dich nicht unglücklich macht“
    das ist ganz wunderbar!

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