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Ein falsches Jahrhundert – Ende

November 23, 2012

Bäckerin: Ich denke, es ist eine gute Idee, all die Gäste der Party von Virginia Woolf zu befragen, wie wir wieder heimwärts kommen.
Ich: Ich bin gespannt, wen wir da noch so alles treffen.
Virginia Woolf: Ah, da sind sie ja. Treten sie ein. FREUNDE, HÖRT MAL ALLE HER! Wir haben hier noch zwei Gäste, die in den Abend große Hoffnungen setzen, sie wollen wieder dahin, wo sie wohnen.
S. Freud: Freud, ist mein Name, sehr angenehm. Mir wurde zugetragen, speziell Sie, mein junger Freund, seien fest in dem Glauben, Sie kämen aus der Zukunft.
Charles Dickens: Hört! Hört! Ein Zeitreisender. Sehr amüsant.
S. Freud: Ich will meine Nase ja nicht in Ihre Angelegenheiten stecken, aber …
Ich: Nase ist ein gutes Stichwort, mein Herr, Sie haben da etwas Weißes an Ihrer Nase.
Bäckerin: Ha, das ist Mehl. Herr Freud. Ach, wie schön ein Kollege.
Virginia Woolf: Wir alle hier glauben, dass Sie uns besser kennen, als wir es selbst vermögen. Bitte sagen Sie, warum – zum Beispiel – zieht es den Herrn Celan und mich ständig zum Fluss hin? Nicht wahr? Sie wissen das.
Ich: Weil sie beide in einem Fluss ihr Leben verloren haben.
Paul Celan: Wie meinen Sie das? Sie glauben, Virginia Woolf und ich seien tot?
Ich: Sie alle hier sind seit langer Zeit schon tot.
Der Chor der Dichter und Denker: Wir sind nicht tot, wir sind nicht tot, wir leben noch – und wie.
Bäckerin: Sieh nur, was Du da angerichtet hast. So verraten die uns doch nie, wie wir heimkehren können.
Ich: Verzeihung, das war mein Fehler, sie sind alle unsterblich geworden, in Flüssen, in Betten, an Laternen, mit Pistolen, im Schnee und so weiter.
Bukowski: WAS? Ich bin unsterblich? Verdammt, mir bleibt aber auch nichts erspart.
Bäckerin: Wir wollen diese Feier auch gar nicht weiter stören. Bitte helft uns.
Nietzsche: Wir können da keine Hilfe sein. Ihr müsst das Orakel aufsuchen.
Ich: Wo finden wir es?
Dostojewski: Na, im Schloss.
Bäckerin: Ein blasser Mann sagte uns letzte Nacht, dass wir nie nie nie das Schloss erreichen können.
Nietzsche: Ah, das war K., war er in Menschengestalt oder sah er eher wie ein Insekt aus?
Bäckerin: Ein Mensch war er. Es gibt doch keine sprechenden Insekten in echt. Sie haben wohl als Kind zu oft die Biene Maja geschaut, Herr Nietzsche.
Sylvia Beach: Wie auch immer, Friedrich hat recht, geht in das Schloss und befragt das Orakel. Nur da kann man euch helfen.
Ich: Wir gehen nun – und ihr könnt mit der Feier endlich beginnen.
Bäckerin: Macht es gut, liebe Unsterbliche – es war schön bei euch.
Ich: Adieu.
Der Chor der Dichter und Denker: „Jetzt tanzen alle Puppen, / macht auf der Bühne Licht, /macht Musik bis der Schuppen / wackelt und zusammenbricht.“
Bäckerin: Was, wenn der blasse Mann uns abhalten will, ins Schloss zu gelangen.
Ich: Wir werden ihn gar nicht sehen.
Bäckerin: Seltsam, die Tür vom Schloss steht offen.
Ich: Wir treten einfach ein.
Eine Haushälterin: Da sind sie ja. Mein Name ist Celeste. Der Herr wird sie gleich empfangen.
Ich: Er ist das Orakel der Weltliteratur? Das hätte ich mir denken können.
Eine Stimme aus dem Nebenzimmer: Sie wären nicht der, für den ich Sie halte, wenn Sie nicht schon jetzt wüssten, wer ich bin – und wo sonst hättet ihr hinkommen sollen, ihr musstet zu mir, denn ihr zwei seid nur aus einem Grunde hier – ihr habt die Zeit verloren und nun müssen wir uns gemeinsam auf die Suche nach der verlorenen Zeit begeben.
Ich: Sie sind Marcel Proust.
Marcel Proust: In voller Größe und ungeschminkt. Seien sie beide mir sehr willkommen.
Bäckerin: Herr Proust, Ihr Bademantel ist vorne offen, man kann Ihren kleinen Marcel sehen.
Marcel Proust: Oh, verzeihen Sie – ich bin an Besuch nicht gewöhnt. Celeste, bereiten Sie bitte alles so vor, wie wir es besprochen haben.
Bäckerin: Sie wussten, dass wir kommen?
Marcel Proust: Ja, schon immer. Sie wollen wieder heim, liege ich da richtig?
Ich: Ja, bitte – wir sind keine Unsterblichen, wir sind vielleicht nur aufgrund eines Versehens hier.
Marcel Proust: Natürlich, nur ein Versehen. Bitte kommen sie mit, es ist nun alles vorbereitet.
Bäckerin: Was ist das? Ist das ein Badezuber voll mit Milchkaffee?
Marcel Proust: Ja, sie müssen beide in den Zuber steigen, sich umarmen und küssen und untergehen – und dann irgendwo da unten auf dem Grund des Milchkaffees ist ihre Welt. Sie haben sich doch schon mal geküsst, oder?
Bäckerin: Ja, das war bei den Außerirdischen, den haben wir die Liebe gebracht, die singen nun alle.
Marcel Proust: Bei den Außerirdischen, fein, fein – nun steigen sie schon in den Milchkaffee.
Bäckerin: Komm, es wird alles gut gehen.
(Die Bäckerin und ich klettern in den Milchkaffee und umarmen uns.)
Marcel Proust: Passen sie gut aufeinander auf und Dir, mein Junge, muss ich noch etwas ins Ohr flüstern: ………….
(Dann küssen sich die Bäckerin und der Junge und lassen sich in den Milchkaffee gleiten und gehen unter und sind weg.)
Der Vater der Bäckerin: Herr im Himmel, wie seht ihr denn aus? Und wo habt ihr euch überhaupt die ganze Zeit rumgetrieben? Ab nach oben. Wascht euch und dann gibt es Abendbrot. Ich dreh hier noch mal durch mit den beiden.
Bäckerin: Vorsicht, nicht dass Du die Treppen hochstolperst, warte, ich mache erst das Licht an. Du? Was hat Marcel Proust Dir da eigentlich ins Ohr geflüstert?
Ich: „Wir sehen uns wieder.“

Ende

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7 Kommentare
  1. Was für ein schönes, märchenhaftes Ende – obwohl ich gern noch mehr Anderwärts-Geschichten gelesen hätte. Wunderbar, lieber Naumburger!

  2. So schön. Danke 🙂

  3. ..es war kein versehen,
    es kommt, wie es zu kommen hat.

  4. Es gibt selten großartige Sprachgewalten. Ihre Blogeinträge sind es jedes Mal. Ich bin begeistert. Und das bin ich selten.

  5. Hallo Naumburger,
    da du so viel liest und eine Bibliothek zu Hause hast… Ist es dir schonmal gelungen, den Roman „JR“ von William Gaddis zu lesen? (Ich versuche seit 4 Jahren, mich durch diese Zeilen zu wühlen) Deine Art zu schreiben erinnert mich irgendwie daran…
    Liebe Grüße
    Anne

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