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Ein falsches Jahrhundert 3

November 22, 2012

Bäckerin: Wer sind Sie – und warum streichen Sie über mein Gesicht und wecken mich?
Der Sanftmütige: Verzeihen Sie, Sie schlafen auf meiner Bank, nach einem ausgedehnten Morgenspaziergang sitze ich gern ein wenig, ruhe aus, denke so dies und das – ach, mein Name ist Robert Walser. Ich habe ihn hier aufgeschrieben. Bitte.
Bäckerin: Das ist eine Erbse, Sie haben Ihren Namen auf eine Erbse geschrieben, so klitzeklein – ich kann es nicht lesen.
Robert Walser: Ich will nicht gelesen werden, nicht mehr – man kann sich dem literarischen Treiben wohl nur entziehen, indem man nicht mehr gelesen werden kann. Ihr Begleiter schläft aber tief und fest.
Bäckerin: Hmm, wenn Sie nicht mehr gelesen werden wollen, dann schreiben Sie doch einfach nicht mehr. Mein Begleiter scheint sich hier geborgen zu fühlen, darum schläft er, wie er schläft.
Robert Walser: Man kann ja schlechterdings nicht einfach das Schreiben bleiben lassen, wie soll einer wohl existieren, ohne sich den Kummer von der Seele zu schreiben – nur lesen, lesen soll es niemals mehr wieder wer. Ich spaziere nun weiter, meine Liebe, Ihr Begleiter und Sie – gehen Sie in den Buchladen der Sylvia Beach, Frau Beach ist ein braver Mensch, sie hilft, wo sie nur kann – aber draußen dürfen sie nimmer schlafen, Sie müssen wissen, es schneit bald – und man kann sterben im Schnee.
Ich: Mit wem hast Du da eben gesprochen?
Bäckerin: Dort hinten läuft er und wird immer kleiner, er hat mir eine Erbse geschenkt, auf der sein Name steht: Robert Walser heißt er und sagte, man könne im Schnee sterben.
Ich: Er weiss, wovon er spricht.
Bäckerin: Wir sollen in den Buchladen von einer Frau Beach gehen, da hilft man uns.
Ich: Gut. Dann lass uns aufbrechen, wir fragen den ersten Menschen, den wir treffen, nach dem Weg.
Bäckerin: Da ist ein Fluss, der durch den Ort geht, dem folgen wir.
Ich: Siehst Du? Dort hinten sitzen zwei Menschen am Ufer, die fragen wir.
Bäckerin: Guten Morgen, wir sind gestern hier erwacht, kennen uns gar nicht aus, haben mit Poe und Nietzsche geredet, Herr Nietzsche war, aber sagen Sie das nicht weiter, ein wenig seltsam, dann haben uns Dostojewski und Bukowski beim Käferwettrennen übers Ohr gehauen, wir haben im Park geschlafen, wurden von Robert Walser geweckt, der uns eine Erbse gab, auf die er seinen Namen geschrieben hat und sagte, wir sollen zu Sylvia Beach gehen – ach, und Balzac will immer seinen Hut behalten, er will ihn einfach nicht hergeben. Wissen Sie wo hier der Buchladen ist?
Die Frau am Fluss: Guten Morgen, so ist es uns allen ergangen, eines Morgens wurden wir wach und waren in Anderwärts, es ist schön hier, gewiss – mir fehlt die Zeit, also wörtlich, weil es sie hier nicht gibt, nur weil es in Anderwärts keine Zeit gibt, haben wir unendlich viel davon, aber so ein Gong, der einem die Stunde verrät, wäre schon schön, ach je, ich gebe heute am Abend eine Gesellschaft, ich muss noch Blumen dafür besorgen, das will ich erledigen, aber immer zieht es mich zum Fluss, immer.
Ich: Ich weiss.
Der Mann am Fluss: Sie wollen in den Buchladen, hin zu Sylvia Beach, die hat ein übergroßes Herz, ist stets für alle da, man geht zu ihr und sie weiss, was einem fehlt, nur manchmal fehlt etwas, das kann dir niemand geben, du suchst und ahnst nicht mal, wonach du dich sehnst, so stolpert man durch all die Tage, liegt Nächte wach und kann nicht träumen – und immer zieht es mich zum Fluss, immer.
Ich: Ich weiss.
Bäckerin: Wo lang denn nun?
Ich: Wir folgen dem Fluss.
Die Frau am Fluss: Paul, ich glaube fast, der Junge kennt uns.
Der Mann am Fluss: Ich bin mir sicher, Virginia, dass er genau weiss, wer wir sind.
Virginia Woolf: Und er hatte nicht einmal Angst vor mir.
Paul Celan: Weil er mehr gesehen hat, es gibt Menschen, die blicken dir so tief ins Herz, die sehen das Schöne in dir.
Virginia Woolf: Und er weiss, weshalb es uns immer zum Fluss zieht – das wissen ja nicht einmal wir.
Paul Celan: Die beiden Menschen bringen uns vielleicht mehr, als wir ihnen je geben können.
Bäckerin: Da vorne ist ein Buchladen.
Ich: Wir sind gerettet.
Der blinde Seher: Da seid Ihr ja endlich. Schon einen ganzen langen Tag hindurch warten wir auf Euch. Und so ein Tag – wer wäre fähig, all die Gedanken, die einem da kommen, zu erfassen.
Sylvia Beach: Lass gut sein, James, die zwei Neuen müssen Hunger und Durst haben. Kommt rein.
James Joyce: Auch wenn ich nichts mehr sehen kann, ich kann all Eure Gedanken hören, dieses Stimmengewirr, diese Melodie.
Ich: Es tut mir leid, Mister Joyce, dass Sie nun völlig erblindet sind.
James Joyce: Das muss es nicht, mein Junge, was ich lesen wollte, habe ich gelesen, was ich schreiben wollte, schrieb ich nieder – für mich gibt es hier in Anderwärts nur noch die Musik – und geschlossene Augen und die Musik sind doch seit je eine Einheit.
Sylvia Beach: Es ist früh am Morgen, hier sind frische Brötchen, vorsicht – sie sind noch warm, da ist Butter, da ist Schinken, Rührei und Speck – und Milchkaffee, glaubt mir, im Morgengrauen hat ein Milchkaffee mehr Poesie als jedes Gedicht, ganz egal in welcher Welt man gerade ist.

Fortsetzung folgt.

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2 Kommentare
  1. Das stimmt! (Das mit dem Milchkaffee. Und auch sonst alles.)

  2. ..einfach wundervoll.
    so schön.

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