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Ein falsches Jahrhundert 2

November 22, 2012

Bäckerin: Haben wir überhaupt Geld?
Ich: Mein Brötchengeld habe ich dabei.
Bäckerin: 2 Euro? Das reicht doch nicht.
Ich: Wir sind vorhin an einer Spielbank vorüber gelaufen, vielleicht können wir da etwas gewinnen.
Bäckerin: Wir gehen in eine Spielhölle? Na, schön. Lass uns unser Glück versuchen.
Der Herr am Einlass: Haben Sie einen Hut?
Bäckerin: Nein, wir haben keinen Hut.
Der Herr am Einlass: Denn wenn Sie einen Hut haben, müssen Sie ihn hier bei mir abgeben.
Ich: Was wird denn hier gespielt? Wir kennen uns in diesen Dingen nicht aus.
Der Herr am Einlass: Gehen Sie, gehen Sie zu dem dünnen, russischen Mann da hinten, der wird Ihnen alles erklären, er verbringt fast seine ganze Zeit hier – und Zeit haben wir in Anderwärts reichlich.
Ich: Guten Tag, der Mann am Einlass schickt uns, wir wollen unser Geld vermehren und er sagt, Sie würden uns dabei helfen.
Der dünne, russische Mann: Sie wissen wer ich bin? Natürlich wissen Sie es. Ich habe das in Ihren Augen gesehen.
Ich: Sie sind Dostojewski.
Dostojewski: Der bin ich. Und ich werde Ihnen helfen. Ich habe ein todsicheres System. Wir können gar nicht anders als verlieren.
Bäckerin: Also sind Sie arm, Herr Dostojewski?
Dostojewski: Ach, mein Kind – die Gesellschaft sorgt dafür, dass Menschen wie wir nie unserem Kellerloch entkommen, wir werden immer ganz unten bleiben, in Lumpen gehüllt, mit nichts als Hoffnungslosigkeit in den Augen.
Ich: Was spielt man denn hier?
Dostojewski: Haben Sie Geld?
Ich: Ja, hier. Das sind 2 Euro.
Dostojewski: Euro? Nie gehört. Na, egal. Suchen Sie sich einen Käfer aus. Sie können auf meinen Käfer oder auf den Käfer des besoffenen Dichters mit dem gelben Hemd setzen.
Ich: Sie veranstalten hier Käferwettrennen?
Der besoffenen Dichter im gelben Hemd: Jungchen, das ist das einzige Glücksspiel hier in Anderwärts. Ich würde auch viel lieber auf ein Pferd wetten. Aber was nicht ist, ist nicht. Was uns bleibt, sind die Käfer, das Bier, der Wein, ab und an eine Frau und die Gedichte. Früher, da rannten sie mir die Bude ein, klauten meine Gedichte, soffen meinen Wein und erzählten später überall rum, dass sie bei Bukowski gewesen wären und dass ich am Ende sei.
Ich: Sie sind der Mann mit der Ledertasche? Ich hätte Sie fast nicht erkannt. Es ist mir eine Ehre, mit Charles Bukowski und Dostojewski ein Käferwettrennen zu beschauen.
Bäckerin: Darf ich den Käfer aussuchen?
Ich: Ja, Du bringst uns Glück.
Bäckerin: Wir nehmen den Käfer da, dem fehlt zwar schon ein Bein, aber ich glaube, der macht das Rennen.
Dostojewski: Gut, das sind die Regeln: wenn Euer Käfer gewinnt, dann bekommt Ihr unsere Einsätze, wenn unser Käfer gewinnt, dann bekommen wir Euren Einsatz.
Ich: Also verlieren wir mein Brötchengeld so oder so?
Bukowski: So sind die Regeln, Junge.
Bäckerin: Was sind denn Eure Einsätze?
Bukowski: Ich setze die halbe Flasche Wein hier.
Dostojewski: Und ich das Manuskript hier.
Bäckerin: Wir spielen nicht mehr mit, das ist ungerecht.
Dostojewski: Als ob es möglich wäre, einer unglücklichen Situation zu entgehen, indem man einfach sagt, man spiele nicht mehr mit.
Bukowski: Die Käfer laufen schon.
(Batsch!)
Bäckerin: Du hast unseren Käfer zermatscht.
Bukowski: Nicht doch, Kindchen, das war ein Unfall.
Ich: Das ist ungerecht.
Dostojewski: Seien Sie kein Narr, als gäbe es für Menschen wie uns je etwas anderes als die Ungerechtigkeit, sie wurde erschaffen, um Menschen wie uns klein zu halten. Nehmt das Manuskript und den Wein und geht, es ist schon dunkel draußen.
Der Mann am Einlass: Entweder Sie geben Ihren Hut ab oder Sie bleiben draußen.
Ein dicker Mann mit Hut und ohne Zähne: Ich werde meinen Hut nicht abgeben, ein Mann ohne Hut ist ein Mann ohne Würde – und ich lasse mir meine Würde nicht nehmen, nicht von Ihnen und auch sonst von keinem Menschen.
Der Mann am Einlass: Herr Balzac, es ist doch immer wieder ein Ärgernis mit Ihnen, jedes Mal diese Streitereien, mit Hut kommen Sie hier nicht rein.
Bäckerin: Balzac will seinen Hut nicht abgeben.
Ich: Ja, denn in einen Hut kann man etwas Geld reinwerfen, aber wenn er ihn abgibt, was bleibt ihm dann noch? Und Geld hat Balzac bitternötig.
Bäckerin: Wir auch.
Ich: Lass uns in diesen Schlosspark da gehen, wir setzen uns auf eine Bank bei den Laternen, trinken den Wein aus und ich lese Dir aus dem Manuskript vor.
Bäckerin: Wer ist der Kerl da? Steht in der Dunkelheit und starrt zum Schloss, als sehne er sich danach, da hinauf zu gelangen.
Der blasse Mann in der Dunkelheit: ich kann ihr flüstern hören ich weiss sie haben den tod eines käfers erlebt ich weiss wir werden nie nie nie das schloss erreichen ach ich weiss eigentlich gar nichts.
Ich: K.?
Der blasse Mann in der Dunkelheit: sprechen sie nie meinen namen aus hören sie niemals menschen wie ich sagt vater haben keinen namen verdient.
Bäckerin: Lass uns gehen, bitte – der ist mir unheimlich.
Ich: Er ist unsicher und verzweifelt und ganz gewiss unglücklich verliebt. Komm, wir setzen uns auf diese Bank da.
Bäckerin: Ich trinke Bukowskis Wein und Du liest mir aus dem Manuskript von Dostojewski vor. Man kann eine Nacht auch schlechter verbringen, oder?
Ich: „Es war eine wundervolle Nacht, eine solche Nacht, wie sie vielleicht nur vorkommen kann, wenn wir jung sind, lieber Leser. Der Himmel war so voller Sterne und Helligkeit, dass man sich bei seinem Anblicke unwillkürlich fragen musste: können denn wirklich unter einem solchen Himmel allerlei ärgerliche, launische Menschen leben? …“

Fortsetzung folgt.

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One Comment
  1. Wishu Kaiser permalink

    Unglaublich fesselnd O_O

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