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Das erste Mal

September 27, 2012

Es war früh am Abend, als ich in die große Stadt kam, die Wohnung war schon hergerichtet, dergleichen kann ich nicht, man hatte es für mich getan, so brauchte ich nur ankommen und da sein, dem Landleben hatte ich den Rücken gekehrt, war nun in der Stadt, allein – aber allein war ich immer, schon als ich mit dem Buch in der Hand durch den Wald ging und die Leute im Dorf sagten, ich sei nicht ganz richtig und ich tat, als dringe ihr Reden nicht zu mir durch, aber das war ein anderes Leben, wie man so sagt, ich war nun in der Stadt, in der neuen Wohnung und dachte ’na schön‘, dann ging ich die Gegend erkunden, setzte mich auf eine Mauer, besah mir die Menschen, wie Zugvögel glitten sie vorüber, hatten es eilig der kalten Stätte ihrer Taglast zu entfliehen und in die wärmeren Gefilde, in den Feierabend zu gelangen, das alles war an einem Abend Ende September, bald schon dunkelte es und ich blickte auf den Fluss und meine Augen vertrugen anfangs die Bilder der sich spiegelnden Lichter kaum, ich zog mich in ein Gasthaus zurück, allwo mir ein Abendessen serviert wurde, dazu trank ich Bier und las, all mein Essen schneide ich immer klein, damit ich es mir beiläufig in den Mund schieben kann, nur eine Gabel gebrauchend, damit ich von der Nahrungsaufnahme ungestört lesen kann, damit ich nicht überfordert bin von zu großen Bissen, saß da in der neuen Stadt, speiste wie ein Dorfkind – ungelenk und wenig fein – und las, das Buch hieß, ich weiss es noch genau, „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“, saß da in der neuen Stadt und vor mir lag dieses Werk von Dostojewskij und ich trank Bier und vertilgte mein Abendessen, hatte die Städter von meiner Mauer aus gesehen, hastig und mit ausdruckslosen Augen flogen sie vorbei, kühl war es damals schon, Ende September und wenn ich es mir wünsche und Sie als Leser nichts einwenden, ging an jenem Abend Ende September auch noch ein Nieselregen hernieder, netzte das Pflaster der Gehsteige, bis es im Schein der Straßenbeleuchtung glänzte – „Doch übrigens, wissen Sie: ich bin überzeugt, dass man unsereinen, den Kellerlochmenschen, im Zaume halten muss. Er ist wohl fähig, vierzig Jahre lang stumm in seinem Kellerloch auszuharren, kommt er aber ans Licht, dann geht es mit ihm durch, dann redet er, redet, redet, redet …“, las ich in Dostojewskijs Buch, als der Nachtisch kam, ich bin, seit ich die Augen auftat, ein glühender Verehrer von Nachtischen, unter uns: ich esse den Hauptgang nur, um ruhigen Gewissens über den Nachtisch herfallen zu dürfen, was natürlich nur Gerede ist, aber wie Dostojewskij einst schrieb: kommt der Kellerlochmensch ans Licht, dann redet und redet er, ich also zahlte die Rechnung und um der Wahrheit das Wort zu reden, ich tat dies erst nach einem zweiten Nachtisch, was oberflächlich betrachtet nichts zur Sache tut, aber immerhin, wir essen nun mal nicht ohne Grund und nicht selten essen wir nicht nur, um den knurrenden Magen zu beruhigen, nun habe ich mich ja schön verplappert; ich verließ also das Gasthaus und ging dahin, wo ich wohnte, der Abend verlief sehr still, ich naschte noch ein paar Kleinigkeiten und las Dostojewskij und schaute aus dem Fenster und stand in der Mitte des Raums und lag barfuss auf dem Bett und schlief irgendwann ein und träumte und nichts von dem ging in Erfüllung und wachte in der Morgenfrühe auf und hatte furchtbaren Hunger und machte mich auf die Suche nach einer Bäckerei, so ging ich los, es war Ende September, da war es noch Dunkel, ich war neu in der Stadt, die Straßen funkelten, waren nass vom Regen, kühl war es und ich kannte mich nicht aus, ich war ja erst am Abend zuvor angekommen, hatte auf einer Mauer gesessen, in einem Gasthaus gegessen, Dostojewskij gelesen und Ruhe bewahrt, da sah ich am Ende einer Seitenstraße ein Leuchten, auf das strebte ich zu, als ich näher kam, erkannte ich eine Bäckerei, die wohl schon offen war, zögerlich – ich war ja noch neu in der Stadt, da fällt man nicht mit der Tür ins Haus – trat ich ein, natürlich klingelte eine kleine Glocke, jene über der Tür angebracht war, es duftet so wundersam, dass ich mit dem Riechen gar nicht nachkam, es war warm und eine dralle Schönheit schaute mich an und ich staunte mit meinen Karfunkelaugen über sie und wie wir uns gegenseitig beschwiegen und ich mit dem Oberkörper wippte und sie auf ihrer Unterlippe kaute und dann zum ersten Mal jener Dialog anhob:

BÄCKERIN: Wer bist Du? Ich habe habe Dich hier noch nie gesehen.
ICH: Ich bin die Liebe und auf der Suche, seit es mich gibt.

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6 Kommentare
  1. Anna Log permalink

  2. Wunderschön.

  3. Oh, was für eine beglückende Satzflut. Ich bin ganz hingerissen

  4. Claudia Vamvas permalink

    Was für ein Satz!

  5. Oh, Sie machen lächeln. ❤

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  1. Servicewüste Waschsalon | Perspektiefe

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