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Die Rückkehr zur Erde

August 25, 2012

Wir weilen nun schon einige Zeit auf einem fremden Planeten, die Bäckerin und ich wurden vor etlichen Tagen von Außerirdischen entführt.

Dieser Planet ist über die Maßen unwirtlich: allüberall nur gefährliche Pflanzen, spitzes Gestein und Sand, zudem herrscht ganztags eine Art Dämmerlicht, nie wird es richtig hell, nie richtig dunkel.
Von all den Außerirdischen spricht stets nur einer mit uns, die anderen laufen bedächtig umher, schweigen und schauen uns an, sie sind etwa fünf Meter groß, völlig durchsichtig und ihr Anführer (jener, der immer mit uns redet), den wir den Kopf des Planeten nennen, kann leuchten, alle sind schrecklich dünn, vertilgen aber Unmengen an Stroh.
Wir sind in einem Turm untergebracht.
Seit Anbeginn an behandelt man uns sehr lieb, sie sind interessiert an klassischer Philosophie, sonderlich meine Liebe zu Friedrich Nietzsche lässt sie frohlocken.
Trotzdem es uns hier dergestalt gut geht, sehnen die Bäckerin und ich uns der Erde entgegen, wir vermissen unser Leben (so ein Urlaub ist schön, man kehrt aber noch lieber heim!).
Hier obwaltet eine Stille, es gibt weder böse Blicke noch böse Worte (über die Gedanken kann ich nichts schreiben), gleichzeitig ist alles ohne Liebe (die Leidenschaft fehlt!), zudem berühren sich diese Außerirdischen nie – und was am schmerzlichsten auffällt: sie kennen keine Musik und Gedichte sind ihnen fremd.
Obgleich die Leidenschaft gewisslich allerlei Drangsal birgt, ist ihr Fehlen um so vieles schlimmer.

Sie lassen uns gehen, wenn wir ihnen verraten, was uns am Leben hält, all die Jahrhunderte – sie wollen das Geheimnis der Menschheit erfahren, nun möchten wir so gern zurück auf die Erde, darum rufen wir all die Bewohner des fremden Planeten zusammen, sie stellen sich auf, wiegen wie eh und je leicht hin und her und blicken uns an, der Kopf des Planeten weilt unter den anderen und schimmert leicht bläulich vor sich hin.

„Ihr sollt jetzt wissen, was die Menschen überleben lässt“, sage ich.
„Was sie stark macht?“, fragt der Kopf des Planeten.
„Nein, was sie schwach, was sie verletzlich sein lässt, denn nur wenn wir uns dies gestatten, sind wir groß“, antwortet die Bäckerin.
Die Augen all jener Außerirdischen sind auf uns zwei Menschen gerichtet, die Stille, die Spannung duftet süss – ich fasse die Wangen der Bäckerin sanft mit meinen Händen, halte ihr warmes Gesicht, sie schlingt ihre Arme um mich und dann küssen wir uns … wir küssen uns nicht wild, als ob es kein Morgen mehr gäbe, weit eher ist es eine schüchterne Berührung zweier Lippenpaare.
Plötzlich eifern uns all die Außerirdischen nach, jene gläsernen Wesen, deren Zerbrechlichkeit nur allzu offenbar ist, wiegen sich leicht im Wind und bilden sich küssende Paare – und was dann geschieht, lässt unseren Atem stocken: die Außerirdischen fangen an, unter der Berührung ihrer Lippen zu singen, in einer gänzlich neuen Sprache, eine Melodie, wie sie noch nie ein Ohr erreichte, erklingt; nur der Kopf des Planeten (es ist wohl eine ungerade Anzahl Außerirdischer!) tritt auf uns zu.

Außerirdischer: Wie nennt sich das?
Bäckerin: Das ist die Liebe.
Außerirdischer: Die Liebe also hält Euch am Leben?
Ich: Ja – und dank der Liebe habt Ihr nun auch die Musik, die Leidenschaft und all die Dinge, die damit einhergehen.
Außerirdischer: Ihr dürft auf die Erde zurück, aber Ihr werdet uns fehlen.

Und während sich die Gesänge all der Küssenden weiter und weiter spinnen, laufen die Bäckerin und ich von den Außerirdischen weg, zögerlich – denn wir hatten nie Angst bei den Fremden.

Bäckerin: Aber wie kommen wir heim?
Ich: Per Anhalter – wie immer in solchen Fällen.

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2 Kommentare
  1. Wunderschön. Es kitzelt in den Augen.

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