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Winesburg, Ohio

Juni 7, 2012

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Eines der schönsten Bücher wird vergessen, es handelt sich um „Winesburg, Ohio“ von Sherwood Anderson (1876-1941), der nach einem seelischen Dilemma im Jahre 1912 die, die er liebte und die, die ihn liebten, verließ, um fortan als Schriftsteller sein Leben zu fristen.

Es ist kein Roman im eigentlichen Sinne, mehr eine Sammlung von Erzählungen, welche sich aufeinander beziehen, ineinander verwickeln, miteinander verbinden.

Einzelne Bewohner der Stadt Winesburg, die sich auf keiner Landkarte finden lässt, werden dem Leser näher, ja nahe gebracht, ihre Verhältnisse, ihr Zusammensein, vor allem aber die Einsamkeit.
Die Hauptfigur ist Georg Willard, er führt uns – gewiss nicht mit sicherer Hand ( was für ein „Held“ wäre er, wenn von ihm Sicherheit ausginge?) – durch dieses verstörende und traurige Buch, taucht in den einzelnen Folgen (denn das Werk gleicht einer Serie) immer wieder auf, er ist der Reporter des „Winesburg Eagel“ und lauscht und ringt den Bewohnern Episoden aus ihrem Leben ab.
Die Gestalten dieses Buches – und das erfahren wir sogleich zu Beginn – sind grotesk.
Von Geschichte zu Geschichte wird uns deutlich, wie die Verknüpfung der Erzählungen den Reiz des Ganzen bestimmt.
Winesburg ist ein Phantasiereich.
Da leben Priester, Ärzte, Philosophen, Dichter, Trunkenbolde, Handelsvertreter, Scharlatane, Mütter, Töchter, Söhne … lauter Phantasiegestalten.
Den Ort kennen wir bald so genau, wir könnten ihn erbauen lassen, obgleich wir es natürlich nicht wollen, weil wir wissen, wie alles, was Wirklichkeit wird, an Kraft verliert. Eine erdachte Welt, voller erdachter Schicksale, ein Menschengeflecht aus Liebe und aus dem, was Liebe auch ist: Traurigkeit.

Sherwood Anderson findet eine Sprache, so lakonisch und poetisch – man ist beständig versucht, sich beim Lesen die Arme zu reiben, um der Gänsehaut zu entgehen.
Über allem aber schimmert eine Hoffnung, angetan – uns mit glitzernden Augen lächeln zu lassen.

Gewiss verlässt unser „Held“ am Ende Winesburg, er tritt ein ins wahre Leben, in die reale Welt … und uns, die wir mit einem schlagenden und fühlenden Herzen begabte Leser sind (nicht wahr, das sind wir doch, oder?) bleibt nur der Wunsch, dass er sich Zeit seines Lebens an Winesburg erinnert.
Wir, die wir das Buch gelesen haben, es liegt in einer wundervollen Manesse Ausgabe vor und wartet nur darauf, verschlungen zu werden, werden es.

Und immer geht ein Seufzen durch Winesburg, Seufzen ist Atmen, ist Leben.

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One Comment
  1. Uschi K. permalink

    Interessante Empfehlung,die hoffentlich so lebendig geschrieben ist wie das empfohlene Buch.Vielen Dank.

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