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Ein Abendessen

Mai 5, 2012

Da ich so gar nicht geeignet bin, alltägliche Verrichtungen (z.B. Kochen) vorzunehmen, esse ich oft in einem Restaurant, davon gibt es in Düsseldorf sehr viele, welche sehr viel auf sich halten.
Entsprechend sind nicht selten die Gäste geartet.
Letzthin beobachtete ich ein älteres Paar, welches am Nachbartisch saß, beide hatten offenbar eine Monatskarte für das Sonnenstudio, sie waren betont sportlich gekleidet, er neigte, so war es seiner Rede zu entnehmen, dem Golfsport zu, wie sie sich in Form hielt, wurde nicht thematisiert.
Den Kellner behandelten sie wie einen subalternen Dienstboten, sprachen, als täten sie ihm einen Gefallen, indem sie das Wort an ihn richteten und benahmen sich, als stünde zweifelsfrei fest, dass die Welt ihnen gehöre.
Ich gebe gern zu, das Essen ist für mich sehr wichtig (also das ist es gewiss für jeden von uns), es dient nicht nur der Sättigung, sondern die Unmengen (nur von Mengen zu sprechen, wäre arg untertrieben), jene ich mir zuführe, müssen zudem diverse andere Aufgaben erfüllen, als da wären: mich davon abzulenken, was in meinem Leben so alles anders läuft, als es gemeinhin laufen sollte, die ganze Sache mit der menschlichen Nähe habe ich nicht drauf, über Freundschaft und die Liebe habe ich gewiss mehr gelesen als die meisten anderen Menschen, den Praxistest jedoch blieb ich mir bis jetzt schuldig, aber all das lässt sich trefflich kompensieren, man muss nur tüchtig essen, dann kommt man gut klar, also esse ich, weil es mich vom Traurigsein ablenkt – das klappt wirklich prima, hat aber auch seine Schattenseite, und was für einen Schatten ich inzwischen werfe, man nimmt zu … aber ich plaudere hier über mich, dass es nur so kracht, dabei wollten wir doch das Paar beobachten …
Er trug ein babyblaues Poloshirt und eine weiße Hose, bei ihr war alles Schmuck und Glanz, sie hatte sich den Familienschmuck angelegt und spielte abwechselnd mit ihren Ringen und ihren Ketten.
Sie aßen furchtbar gesunde Sachen, mit viel Salat, tranken Wasser wie das liebe Vieh und ließen sich beim Kauen Zeit, also ich hätte das bisschen Zeug in weniger als 10 Minuten weggeputzt – aber beide Portionen -, sie machten daraus eine abendfüllende Veranstaltung.
Inzwischen hatte ich mir etwas Bier auf das Hemd gekleckert und war damit beschäftig, das nicht so tragisch zu nehmen. Ich konnte die beiden auch nicht ewig studieren, man fällt ja unangenehm auf, wenn man so stiert.
Also las ich in meinem Buch, ich gehe nie ohne Lektüre vor die Tür – schon gar nicht essen, weiter, bald reifte der Entschluss in mir, es doch noch mit einem Nachtisch aufzunehmen, ich bestellte mir ein Eis mit Sahne und in einem Extraschälchen, bat ich, möge man noch eine Portion Schlagobers verorten, jene ich nach Bedarf dosiere, so geschah es dann auch.
Unser Paar war inzwischen über alle Berge und für mich wurde es auch langsam Zeit, schließlich wartete daheim noch eine Tüte Chips darauf, von mir gegessen zu werden – und eine zeitalteralte Weisheit besagt: Chips soll man nicht warten lassen. Also zahlte ich die Rechnung, packte mein Buch ein (es war übrigens „Vater Goriot“ von Balzac) und eilte davon.

So richtig viel haben wir jetzt über das alte Paar nicht erfahren, auch nicht über meine Essgewohnheiten – aber so ist es ja zumeist im Leben, man bekommt ein paar Bissen mit und versucht, irgendwie satt zu werden.

Bleiben Sie hungrig!

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3 Kommentare
  1. „aber so ist es ja zumeist im Leben, man bekommt ein paar Bissen mit und versucht irgendwie satt zu werden“ – wunderbar!

  2. ..habe mich bis hierhin mal nachgelesen, und finde diesen post bis jetzt am schönsten,
    zauberte mir ein lächeln ins gesicht, ; )

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