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Die Teestunden der Madame Delina

Februar 18, 2012

Vor etlichen Jahren las ich dieses Buch:
„Die Teestunden der Madame Delina“ (ersch. 1802) von Landis van Bellstroem, es handelt sich um einen sogenannten Novellen-Roman, selten wohl hat sich ein Autor (vom Schreiber dieser Zeilen einmal abgesehen) mehr bemüht, ein Werk zu erschaffen, welches es nicht verdient, die Zeiten zu überdauern, deshalb ist jener Roman wohl auch längsthin in Vergessenheit geraten.

Landis van Bellstroem lebte von 1762 bis 1824, er wurde in einem kleinen Ort namens Ekloogen in Dänemark geboren, wo er auch starb, sein Eltern waren Bauern, er hatte noch 5 weitere Geschwister (alles Schwestern), über seine Auferziehung und sein Leben ist uns so gut wie gar nichts bekannt, er verließ irgendwann das Elternhaus, blieb aber in Ekloogen wohnen und heiratete eine Müllerstochter, mit der er keine Kinder hatte, seine Schulbildung war nicht sonderlich, unterrichtet hatte ihn seine Mutter, er war das jüngste Kind, seine Frau war sehr einfältig, sie konnte nicht einmal die Uhr lesen, ihr Leben bestritten sie von den Einkünften, welche die Näharbeiten seiner Frau einbrachten und den bescheidenen Erlösen aus seinen Buchverkäufen, er starb eher als seine Frau, viel mehr gibt es nicht zu berichten.

Nun zum Buch „Die Teestunden der Madame Delina“:
Es ist ein typischer Novellen-Roman, einige Menschen sitzen beieinander und erzählen sich Geschichten. Madame Delina lädt immer am Sonntag nach der Kirche ihre Freundinnen (vier an der Zahl) in ihr Haus ein, allwo sie – und es überrascht dies uns nun nicht – gemeinsam Tee trinken und jeweils eine von ihnen eine Geschichte erzählt, der Leser bekommt also zur Rahmenhandlung, die so kunstvoll gestrickt ist wie eine Vorabendserie, fünf Geschichten gereicht.

Geschichte 1 – Die Erzählung der Frau mit dem Holzbein:
Sie ist die jüngste von allen und hat, man errät es unschwer, ein Holzbein. Und was soll ich Ihnen sagen, innert dieser Geschichte erfährt der Leser, wie jener Frau ihr Bein abhanden kam, verraten sei nur, eine Kutsche in Wien fuhr es ihr ab. Ich musste alsogleich an Mary K. (Oskar K.s Gattin) denken und was ihr lange Zeit später (genauer am 21. September 1925) geschah, nämlich, dass ihr – ebenfalls in Wien – die Straßenbahn das Bein „über dem Knie“ abfuhr … wie auch immer, die Frau mit dem Holzbein war arm dran …

Geschichte 2 – Die Erzählung der Frau ohne Mann:
Da geht es schon arg zu, denn jene Frau hat ihren Gatten umgebracht, sie verliebte sich in einen Freund ihres Angetrauten, es kam zu wilden Nächten: Blicke wurden gewechselt und Küsse getauscht, da ist so ein Ehemann schnell mal im Wege – ich will nicht alles verraten, aber Thérèse Raquin war verglichen mit ihr eine Klosterschülerin …

Geschichte 3 – Die Erzählung der blinden Frau:
Der Titel lässt es in etwa erkennen, wir haben es in der 3. Geschichte mit einer Frau zu tun, welche blind ist, sie ist das seit ihrer Geburt und erzählt uns, wie sehr sie Gerüche wahrnimmt, dem Leser wird vor Augen geführt, wie die Blinde an den einzelnen Frauen rumschnüffelt und den Duft ihrer Körper in Worte fasst, das alles ist ganz artig dargebracht und man atmet ruhig durch und lächelt wohl selig, wissend, dass die alte Frau kein Findelkind aus Frankreich ist.

Geschichte 4 – Die Erzählung der Frau mit der Tochter:
Diese Frau lebte mit ihrer Tochter im Ausland und der Leser erfährt, wie sie da ihrer Tochter von alten Zeiten erzählte, eine Begebenheit handelt davon, wie die alleinerziehende Mutter als Kind mal fast ertrunken wäre, in einem Waschtrog, wie ein roter Faden zieht es sich nun durch die Geschichte, dass die Tochter immer dann, wenn es brenzlig zu werden droht in den Berichten der Mutter, ängstlich nachhorcht, ob das nicht wieder so eine Waschtrog-Geschichte sei. Diese Erzählung ist ziemlich kunstvoll gemacht und wohl die beste im ganzen Buch.

Geschichte 5 – Die Erzählung der toten Frau:
Die 5. Geschichte ist die der Gastgeberin, der Madame Delina, recht hemdsärmelig wird der Leser mit der Tatsache konfrontiert, dass Madame Delina bereits seit etlichen Jahren das Löffelchen gereicht hat, sie starb bei einem grauenvollen Feuer, jenes den gesamten Ort und alle Bewohner auslöschte. Nun erinnert der gewitzte Leser selbstredend, dass der Autor van Bellstroem nie seinen Geburtsort verlassen hatte und kann sich mit diesem Wissen beladen allerlei Deutungen überlassen.

Fazit:
Ein höchst mittelmäßiger Roman mit einigen sprachlichen Leckerbissen, aber insgesamt wenig erbaulich, geeignet für Liebhaber der klassischen Literatur, welche auch mal das Werk eines unbekannten Schriftstellers apperzipieren wollen.

(Ich bitte darum, weder den Autor noch den Roman irgend ausfindig machen zu wollen, kein Lexikon der Welt, ja noch nicht einmal Google wird etwas darüber offenbaren können.
Weshalb dies dergestalt ist, überlasse ich gänzlich Ihrem Scharfsinn.)

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