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Brecht und Eisen

Februar 18, 2012

Das Brecht und Eisen ist ein zerfallenes Hinterhoftheater, in dem es seit eh und je nach nassem Hund riecht. Im Keller des Theaters befindet sich eine längst geschlossene Boxschule und in der oberen Etage bieten Damen ihre Dienste auf fleckigen Laken an.

Ich besuchte das Brecht und Eisen vorgestern Abend, es wurde das Stück einer Studentin namens Linny gezeigt, ein Kammerspiel mit dem Titel „Frau und Mann“.
Den Eintritt entrichtete man, indem man zwei Euro in einen Aschenbecher, jener am Eingang auf einem Tisch stand, warf, man konnte auch weniger geben oder sich etwas raus nehmen.
Das Innere des Theaters war traurig. Die Bühne drohte mit ihrem Einsturz und das Publikum, hauptsächlich Gunstgewerblerinnen, alte Schnapsler und trunkene Studenten, saß auf wurmstichigen Holzstühlen, durch die Reihen wurden Selbstgedrehte und billiger Wein gereicht.
Ich setzte mich neben eine junge Frau in der ersten Reihe, sie versäumte nicht, sich mir als die Autorin des Stückes vorzustellen, ich gab der Linny meine Hand und versicherte ihr, dass mein heutiges Hiersein mir eine große Freude sei.

Dann begann das Stück:
Auf der Bühne standen zwei blaue Gartenstühle sonst nichts, drauf saßen die Frau und der Mann, sie waren wohl namenlos, denn die ganze Zeit hindurch sprachen sie sich nur mit Frau oder Mann an.
Schon nach kurzer Zeit war klar, worum es hier ging, mal wieder der alte Zweikampf der Geschlechter. Die junge Frau war emanzipatorisch veranlagt und der junge Mann recht traditionell unterwegs, sie sprachen, als läsen sie ihren Text ab, alles zu laut und überdeutlich.
Ich wünschte mir sehr, man hätte den Mann mit Strindberg-Kenntnissen ausgestattet, seine Reden wirkten jämmerlich, er war dergestalt beklagenswert, dass ich nicht einmal Groll hegte, vor zehn Jahren noch wäre ich aufgestanden und hätte den armen Teufel mit Weininger-Zitaten beworfen, aber inzwischen war ich zu träge, um mich noch irgend bemerkbar machen zu wollen.
Man fühlte, wie arg die überschaubare Bildung des Mannes die Frau dauerte, mithin schien sie das zu sein, was ich, so ich mit mir selbst konversiere, ein literarisches Persönchen heiße. Sie gebot durchaus über ordentliche Kenntnisse und zögerte nie, selbige auch anzuwenden, sie liebte Walt Whitman, und schrie einmal: „Das Männliche dem Weiblichen gleich sing ich.“ dem tumben Mann ins Gesicht. Derart also plätscherte das Stück dahin.

Ich entschuldigte mich bei der Autorin mit der Ausrede, ich müsse – der Wein sei durchgelaufen – dringendst die Toilette frequentieren und verließ den „Saal“. Im Stiegenhaus dann trieb meine Neugier mich in die obere Etage – oh, da waren falbes Licht und vier Zimmer, zwei davon standen offen, in ein Zimmer blickte ich hinein und sah eine Dame, sie trug einen zerschlissenen gelben Bademantel und hatte Lockenwickler im Haar, sie hielt wohl schon an die sechs Jahrzehnte auf Erden durch, gewiss roch sie nach Fusel und Schweiß, plötzlich frug sie mich: „Na, mein Jungchen?“ – einfach nur dieses „Na, mein Jungchen?“, was soll einer wohl darauf erwidern, ich betrat ihr Zimmer und schaute sie an, dann streichelte ich schüchtern ihr daseinsmüdes Antlitz und sprach: „Ich liebe Sie, meine Schöne“, und ging.

Ich kam gerade noch rechtzeitig ins Theater zurück, um das große Finale nicht zu verpassen. Die Frau war inzwischen von ihrem blauen Gartenstuhl aufgestanden …
FRAU: Ich bin es so leid, Dich und Deine Kulturlosigkeit, wenn Du nur wüsstest … wenn Du nur wüsstest. Ich werde Dich verlassen – HÖRST DU? – für immer werde ich Dich verlassen … ich gehe …
MANN: Ha, wohin willst Du denn wohl gehen?
FRAU: Ich habe gestern in einem Kaffeehaus einen lesenden Mann kennengelernt … er hat mit geschlossenen Augen meinen Gedichten gelauscht … und wir werden Wein trinken gehen – HÖRST DU? – Wein …

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One Comment
  1. Oha! Kaum habe ich vorhin noch gerätselt, ob die Gechichte mit der Feierabenddichterin wohl weitergeht – Geduld sollte ich üben.

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