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8 Fragmente

Februar 18, 2012

Fragment 1:
ORPHEUS IM PLATTENBAU 

Die zahllosen Treppenstufen
im Stiegenhaus erklomm sie
eine Zeit hindurch beinah
jeden Tag, in seiner Wohnung
im oberen Stockwerk
machten sie gemeinsam
Musik, er spielte Gitarre, sie
sang – fast ein Jahr lang war
ihre Welt wundervoll, dann
blieb sie weg, ohne auch nur
ein Wort der Erklärung zu
verlieren, er sorgte sich und
traurige Gedanken verengten
sein Herz, was war
geschehen, weshalb kam sie
nicht mehr zu ihm, eines
Abends nahm er die Gitarre und
machte sich auf den Weg
hinunter in ihre Wohnung, er
läutete an der Tür, aber es
ward ihm nicht aufgetan, da
begann er zu spielen, so
schön und die Klänge
verbreiteten sich im ganzen
Keller, ein bleichsüchtiger
Herr öffnete, blickte den
Musiker an und schwieg … „Ich
will sie wieder bei mir
haben!“, sprach der
Gitarrenspieler … „Dann lauf‘
nur nach oben, geh‘, aber
schau Dich nicht um, sie wird
Dir nachkommen, nur wenn
Du Dich umdrehst, ist sie
weg!“ … der Musiker tat wie
ihm geheißen, stieg durchs
Treppenhaus hinauf, blickte
sich nicht um, verwunderte
sich ob der Stille, er müsse
doch ihre Tritte hören, ihren
Atem, er konnte sich nicht
länger mehr bezähmen
und drehte sich um … 
Fragment 2:
EIN FRÜHERES LEBEN 

Meine Köchin, stets eine
Gegnerin des frugalen Mahls,
lief mir, wann immer ich
murmelnd durchs Haus
wandelte, hinterdrein,
versuchte sich in
Anmerkungen und bezeigte
nicht selten einen Hang zur
Politik, vor einigen Tagen
gestand sie mir, dass sie sich
vorstellen könne, dass es in
nicht allzu ferner Zukunft
auch Frauen erlaubt sei,
wählen zu dürfen, wie
immer, wenn sie derart
ketzerisch war, wollte ich sie
wieder handzahm machen,
indem ich ihre Gedanken mit
einem seichten Roman auf
andere Ziele lenkte, allein,
diesmal schlug sie das Buch
aus, sie lese derzeit einen
Roman namens „Lelia“ von
einer gewissen George Sand,
welcher sie zutiefst berühre,
sogleich eilte ich in die
Buchhandlung und erwarb ein
Exemplar dieser
Neuerscheinung, um zu
erfahren, was da wohl meine
Köchin verderbe, las ich die Nacht
hindurch in diesem
Buche … am folgenden
Morgen sahen meine
Frühstücksbutterbrote anders
aus, ich bat die Köchin, denn
offenbar hatte sie es
verabsäumt, doch die Kruste
abzuschneiden, gerad‘ so, wie
ich es mag, da vergrub sie
hochnäsig ihre Hände in den
Hosen!!!taschen und sprach also
zu mir: „Ach, Gottchen –
allmählich sollten Sie beißen
lernen!“ – dergestalt weit ist
es nun gekommen: unser
Herr wird verniedlicht und ich
muss die Kruste mitessen. 
Fragment 3:
KNEIPENSCHLÄGEREI 

Bis unter’s Dach türmte sich
die besoffene Bande, man
gröhlte und spuckte und Hiebe
setzte es und Blut rann …
zahllose Stout … „Hier ist der
Teufel im Busch!“, schrie ein
wilder Kerl, „Herr im
Himmel!“, rief die Wirtin – die
Einrichtung ging entzwei,
Gläser klirrten, (schrieb ich
schon von dem Blut?), es
hagelte Knochenbrüche und
Schimpfreden, ich sei nichts
weiter als ein Spinner, ein
Gernegroß, geistig inferiore
Kretins (das kam von mir!),
die Masse prügelte mich, ich
verlor etliche Zähne, bekam
kaum Luft, kotzte, schrie nach
der Ambulanz, war bereit,
den Löffel abzugeben, als ich
meinen Tisch wieder
erreichte, da nahm ich das
Buch, jenes ich gelesen hatte,
bis die proletarische Meute
über mich herfiel, und schlug,
nun vollends wahnsinnig, auf
die Ratten ein, sie gingen
zuhauf k.o., Knochen
brachen, das Volk winselte,
ich prügelte mir eine Schneise
zur Tür, warf einiges Geld auf
den Boden, Zeche prellen gilt
nicht!, trat ins Freie, in die
Kühle der Nacht hinaus und
sang in zerrissener Hose:
„For he is a jolly good
fellow …“, während die
Zeitungsjungs Neuigkeiten
verteilten. 
Fragment 4:
DIE SCHULD 

In Wien traf ich einen kunstgewerblichen Händler,
jener mit seinem Auftreten,
seiner Trunksucht und seinem
Hang zur Prügelei das Pack
nur so anzog, alle nannten
ihn Pierre, weil er ewig mit
einem aufgesetzten
französischen Akzent sprach,
ich sah ihn das 1. Mal, als ich
in seinem Laden eine
Leselampe kaufen wollte, da
war er in einen heftigen Streit
mit einem Kerl verwickelt,
Pierre hatte wohl
Spielschulden gemacht und
konnte sie nicht begleichen,
der andere Typ legte Pierre
dar, wie sich die Zahl seiner
Finger verringern würde,
wenn morgen nicht die
Scheine rollen (er benutzte
wahrlich die Formulierung
„Scheine rollen“!), als der
Geldeintreiber den Laden
verlassen hatte, heulte Pierre
wie ein kleines Mädchen, er
berichtete mir von seiner
Tochter, die seit Jahren
verschwunden sei, er und seine
Frau (sie war längst tot),
seien vor einigen Jahren aus
Nepal nach Wien gekommen,
nach dem Tod seiner Frau
geriet sein Leben in eine
Schieflage, wie er überhaupt
dazu neige, mir, einem
Unbekannten, derlei zu
offenbaren … ich trat auf ihn
zu und sagte: „Zahlen sie die
Spielschulden nicht, mein
Herr, lassen sie sich erst
einige Fingerkuppen
abschneiden, sie werden so
ihrer Tochter näher kommen
als je zuvor in ihrem Leben!“ –
dann ging ich hinfort und kaufte
meine Leselampe bei einem
Schweden. 
Fragment 5:
DER SEHER 

In einer Nacht ereignete sich
eine seltsame Szene, unter
einer kaputten Laterne sah
man einen Jungen sitzen, er
trug eine graue Hose, einen
grauen Mantel, graue Schuhe
und eine Sonnenbrille,
November war’s, es regnete
sehr, der Junge umarmte die
Luft neben sich, nicht konnte
er aufhören, sich wie ein
liebeskrankes Kalb zu winden,
völlig durchnässt griff er
immer wieder in die Nacht,
machte Anstalten, sich die
Arme auszukugeln und rieb sich
selbst ständig Straßendreck
in sein Gesicht und küsste
seine schmutzigen Hände und
sein Atem ging schwer und vor
Kälte zitterte er, dann hob er
etwas vom Boden auf und
verschluckte es, lächelte
dankbar und wurde wieder wild,
fast schien es, als wolle er
seine letzte Kraft verbrauchen
und ein undeutliches Raunen
hob an, kaum ein Wort war
zu verstehen, aber gewisslich
sprach er mit wem, dann –
nicht wahr, fast schon wollten
wir jenen eigenartigen Jungen
verlassen und wieder unsere
eigenen Ziele verfolgen –
hörte man ganz klar, wie er
flehte: „Lösch mir die Augen
aus: ich kann dich sehn …“ 
Fragment 6:
ENDE EINER KINDHEIT 

In Nepal gab es vor 14
Jahren Häuser, die fliegen
konnten, sie stiegen höher
und höher, bis keiner sie
mehr sah, ein junges
Fräulein aus gutem Hause
wollte, als sie fühlte, wie
ihr Haus sich himmelwärts
hob, es festhalten, sie
klammerte sich so sehr an
ihr Elternhaus, dass sie
sieben Fingerkuppen
verlor, sie rissen einfach ab
und das Haus entschwand,
ich lernte jene Frau
späterhin in Heidelberg
kennen, als sie mir ihre
Hand reichte, tat ich, als
merke ich nichts von
ihrem Verlust. 
Fragment 7:
DIE WEISE 

Wenigstens Bitterkeit, eine
einstürzende Welt, Tränen
hatte sie erwartet, doch
nichts – mit der Wut
überspielt sie die Traurigkeit,
ihre Leidenschaft soll die
Kälte schrecken, dass sie nicht
enden kann, über alles
nachzudenken, nimmt sich
wie ein Zeichen aus, welches
sie nicht wahrhaben mag,
könnte sie doch auch nur
jene Gleichgültigkeit
empfinden und darum
aufhören, alles lieben zu
wollen, was längsthin verloren
ist – die Weisen gehen
zugrunde unter den Sohlen
der Mittelmäßigen. 
Fragment 8:
DIE PHILOSOPHEN 

Wenn sie den Mund öffnete,
sah man, wie wenig Zähne ihr
geblieben waren, Tag um Tag
stand sie mit den anderen
Trinkern an der Schankbude,
soff billiges Bier und Korn, das
Elend hatte aus ihr einen
Menschen gemacht, dem die
Äußerlichkeiten egal waren,
sie rochen alle übel, trugen
abgerissene Kleidung und
sprachen mit lauter Kehle
über Politik, es waren 6
Menschen, wann immer ich
meine Zeitung an jener Bude
erwarb, redete ich einige
Worte mit ihnen, mein grauer
Anzug, mein weißes Hemd,
meine blanken Schuhe
stießen sie nicht ab,
liebenswürdig lächelnd
nahmen sie Kleingeld von mir
und gaben mir Weisheiten
(derart, dass der kleine Mann
immer der gearschte sei) mit,
an manchen Abenden
empfinde ich Mitleid, ich
werde nie gute Freunde
haben, nie mit ihnen
zusammenstehen, nie … dann
aber ruft meine Zugehfrau
mich an den Tisch, es gibt
Senfeier und der Wein hat die
richtige Temperatur, so
vergesse ich meinen Kummer
und mein Selbstmitleid und denke
nicht mehr daran, wie gut es
doch die besoffenen
Philosophen an der Trinkhalle
haben. 

(2011)

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