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Allzeit verwundbar

Als er tot war, erfuhr ich davon durch einen Anruf.

Gestorben wurde in meinem bisherigen Leben immer weit weg.

Ich stellte mir seine Lippen vor, wie sie am Ende ganz ausgetrocknet waren.

Dann sehe ich ihn mit seinen dunklen Haaren, seiner braungebrannten Haut, seinen großen Händen, wir sitzen auf dem Dach des Schuppens, um uns sind Zweige, die wir im Wald unfern der Fischerquelle fanden, die Zweige sind frisch, wir schnitzen sie spitz, bei ihm darf ich ein Taschenmesser haben, er ist sechsmal so alt wie ich, tritt aber nicht so auf, der Sommer verwöhnt uns mit Wärme und Licht, wir schweigen viel, wenn wir reden, albern wir rum, dieser Mann soll ganze Kneipen zertrümmert haben, soll sich so wenig verstanden gefühlt haben, dass der Jähzorn wieder und wieder ausbrach, nun sitzt er auf dem Dach des Schuppens mit mir, wir grüßen von da die Menschen, die den Berg hochgehen, alle kennen ihn, wissen, wie gern er trinkt, ich höre ihn nie ein böses Wort sagen, wenn seine Sätze unverständlich werden, legt er sich auf die viel zu schmale Eckbank in der Küche und schnarcht, ich sitze aufgeregt im angrenzenden Wohnzimmer und warte, warte, bis er wieder erwacht, er schläft wie ein Stein, wie ein Toter.

Mein Großvater sah aus wie Ernest Hemingway, stand in einer Pfütze aus Sonnenlicht und war allzeit verwundbar.

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Auf dem Meeresgrund

„Und Du meinst, man gelangt direkt auf den Meeresgrund, wenn man durch diese Tür im Keller der Bäckerei geht?“
„Vertrau mir“, antwortete die Bäckerin.
So liefen wir die Treppen hinab, es war kühl und ich hielt eine Taschenlampe, die Tür zum Meeresgrund hatte keine Klinke.
„Heb mich mal hoch“, sagte die Bäckerin.
Dann berührte sie die Tür am oberen Rand, sie öffnete sich nicht, aber wir konnten durch sie hindurch, es war, als ginge man durch Kuchenteig und plötzlich befanden wir uns auf dem Meeresgrund.
Alles wurde ganz leicht und wir glitten durch eine Welt ohne Licht, aber reden konnten wir und atmen und obgleich wir so leicht waren, kamen wir nur in Zeitlupe voran, da war nichts – nur Wasser und der Boden.
„Ich habe mir den Meeresgrund spannender vorgestellt“, flüsterte die Bäckerin.
„Vielleicht kommt noch ein Ungeheuer, mit dem ich kämpfen kann“, entgegnete ich.
Langsam kamen wir weiter.
„Da hinten ist was“, rief die Bäckerin.
„Sieht aus wie ein versunkenes Schiff“, sagte ich.
„Da finden wir bestimmt einen Schatz“, freute sich die Bäckerin und klatschte in die Hände.
Vor dem Schiff standen zwei Menschen und als wir näher kamen, sahen wir, wie sie uns zu sich winkten, der Mann trug einen schwarzen Anzug und sein Haar war dünn, die Frau hatte ein graues Kleid aus einem groben Stoff an und einen dunklen Mantel und ihr Haar war wirr, so wirr wie ihr Blick – ich hielt die Luft an (übrigens zum ersten Mal seit wir unter Wasser waren), denn ich erkannte diese zwei Menschen – mitten auf dem Meeresgrund standen vor einem untergegangenen Schiff Virginia Woolf und Paul Celan und winkten uns zu sich.
„Wie kommen Sie auf den Meeresgrund?“
„Wir sind durch eine Tür gegangen.“
„Das sind wir auch.“
„Sie sind Virginia Woolf und Paul Celan“, sagte ich.
„Du kennst die beiden Menschen?“
Virginia Woolf blickte an mir vorbei, obgleich sie mit mir sprach und wir erfuhren, dass sie schon lange Zeit auf dem Meeresgrund lebten, sie betonte das Wort lebten sehr traurig, dabei spielte sie mit etwas in der Tasche ihres Mantels.
„Seid Ihr ein Paar?“
„Und Ihr?“
Paul Celan sprach gar nicht.
„Er ist verstummt, nur ich rede ab und an, erzähle ihm von damals, wie ich Ewigkeiten über einen Satz nachdachte, aber meistens schauen wir uns nur an und schweigen, was sollen zwei Menschen machen, die in einem versunken Schiff auf dem Meeresgrund sind und für alle Zeiten da bleiben werden, man schweigt und liest Gedanken“, berichtete Virginia Woolf.
„Das ist traurig“, sagte die Bäckerin.
Celan nickte.
„Ihr habt hier unten auf dem Meeresgrund einen Kanarienvogel“, rief ich und deutete auf einen Käfig, der an dem versunkenen Schiff hing.
„Ja, der ist uns zugeflogen“, antwortete die Woolf.
„Wie heißt er?“
„Na, Moby Dick natürlich.“
„Euch ist auf dem Meeresgrund ein Kanarienvogel zugeflogen, der Moby Dick heißt?“
„Ja, aber er kann nicht singen.“
„Ihr müsst ihm etwas vorsingen“, rief nun die Bäckerin.
„Wesen wie wir können nicht mehr singen“, antwortete Virginia.
„Das ist traurig“, sagte die Bäckerin.
Celan nickte.
„Sollen wir ihm denn etwas vorsingen?“
„Könnt Ihr denn singen?“
„Klar, wie verrückt.“
Wir gingen auf Moby Dick zu, der ganz interessiert sein Köpfchen schräg hielt.
Und dann begannen die Bäckerin und ich mit dem Gesang:
„Ich träum ich treff dich ganz tief unten
der tiefste Punkt der Erde Marianengraben Meeresgrund zwischen Nanga Parbat K 2 und Everest das Dach der Welt dort geb ich dir ein Fest wo nichts mehr mir die Sicht verstellt
wenn du kommst seh ich dich kommen schon vom Rand der Welt es gibt nichts Interessantes hier die Ruinen von Atlantis nur aber keine Spur von dir ich glaub du kommst nicht mehr wir haben uns im Traum verpasst du träumst mich ich dich keine Angst ich weck dich nicht bevor du nicht von selbst erwachst …“
Der Kanarienvogel schaute nur nachdenklich, aber er stimmte nicht mit ein, wir sangen jedoch weiter, weil Celan und Virginia Woolf es so schön fanden, da verstrich uns die Zeit.
„So, wir müssen dann mal wieder“, sagte die Bäckerin.
„Wie kommen wir denn von hier weg?“
„Ihr müsst uns einen Kuss dalassen“, antwortet Virginia Woolf.
„Wir sind nicht so geübt in solchen Dingen“, wehrte ich ab.
„Aber das bringt doch die Liebe mit sich“, sagte die Woolf.
„Mit der Liebe kenne ich mich aus, ich habe in den alten Büchern alles über sie gelesen“, gab ich zu.
„Dann weißt Du gar nichts über sie“, flüsterte Virginia.
„Das ist traurig“, sagte die Bäckerin.
Celan nickte.
Da schob ich mir meine Brille fest auf die Nase, umarmte die Bäckerin und küsste sie, es schmeckte salzig und wir ließen uns treiben und vergaßen die Zeit und hörten das Rauschen und dann eine Stimme, die polterte und laut war.
Ihr Vater: Ich glaub, ich hab eine Erscheinung, stehen hier im Regen vor der Haustür und knutschen rum, habt ihr mal auf die Uhr geguckt?
Ich: Aber wir waren doch, wir haben nur, es ist alles bloß wegen.
Bäckerin: Wenn wir uns nicht geküsst hätten, wären wir jetzt noch auf dem Meeresgrund.
Ihr Vater: Jungchen, was hast Du mit meiner Tochter angestellt?
Ich: Wir haben gesungen.
Ihr Vater: Gesungen? Das hab ich gesehen, was ihr so singen nennt.
Na egal, es ist schon spät, kommt rein, trocknet euch ab und dann gibt es Abendbrot, wir haben heißen Tee und Leberwurststullen.
Bäckerin: Au fein.
Ich: Küssen macht irgendwie hungrig.

Es sind noch immer dies die größten Abenteuer, die mit einem heißen Tee und Leberwurststullen am Küchentisch enden.

Da geht die Sonne auf

Ich: Alles, wer hätte, könnte er es überhaupt – und wenn ja, wäre er willens und fähig es in Worte zu kleiden – erfassen, hierfür die Zeit, vermag ich Dir nicht zu berichten, nur dies, es ist ein, wir befassen uns, obgleich es nicht allen ständig vor Augen steht, immer nur damit, Bruchteil dessen, wovon man künden könnte (eben erwähnte ich es, die Zeit, der Wille, die Fähigkeiten); die Sonne, jene am Morgen zu uns gelangt, ist – hier spreche ich bloß von mir – ein größerer (oder sollte es besser höherer heißen?) Genuss für die Menschen, als die, welche – ich weiss, ich weiss, es ist keine andere, wo wären wir auch, hätten wir mehr als eine Sonne – des Abends untergeht; nun, dergleich ist annehmbar, könnte ein sinnendes Wesen dem Gedanken verfallen (Variante: dem Gedanken anheimfallen), ich sei nur darauf aus, man kenne das, es gibt doch wohl ein Sprichwort, das das recht plausibel zum Ausdruck kommen lässt, den Morgen vor dem Abend zu loben, was aber, besinne Dich nur auf meine Bruchteiltheorie, nicht stimmt, denn ich (und loben, das mag ich hier gleich deutlich machen, will ich, zumal um diese Uhrzeit, gar nichts!) erwähnte schließlich einzig, dass jene Sonne, die, wenn, dazu neigen wir, wie wir hier sind, alle gern, man ihr einen Namen geben möchte, als Morgensonne bezeichnet werden könnte, mir weit lieber ist als ihre – und hier unterstelle ich verwandtschaftliche Beziehungen – Schwester die Abendsonne, mehr will ich, eingangs verspach ich das schließlich, nicht davon reden.

Bäckerin: Du magst die Sonne morgens lieber als abends?

Ich: Hm, so kann man das auch sagen.

Eine fremde Welt – Brief 4

Liebste Bäckerin,

wenn Du diesen Brief erhältst, bin ich schon fast bei Dir, ich schreibe Dir von Bord eines seltsamen Schiffes, welches mich an das Ende der anderen Welt bringt, die See ist ruhig wie ein Spiegel, der Kapitän Einstueckkaese ist zumeist unter Deck, ich sitze im Licht eines anbrechenden Tages und alles ist wie in diesen Romanen, von denen Du schon gehört haben wirst — doch der Reihe nach: ich bin noch vielen seltsamen Wesen begegnet, ehe ich den Kapitän fand, gewiss hätte ich mich in dieser fremden Welt vollends verirrt – wie es übrigens nicht wenigen Wesen hier ergangen sein muss, denn sie haben einen solch starken Glauben an diese andere Welt, dass man sprachlos ist -, wäre da nicht jene Troedelkatze gewesen, die die Wege wohl kannte und sie mir zeigte, denk Dir nur, jeden Freitag treten die meisten Bewohner dieser Welt an, um immer wieder einer bestimmten Hymne zu lauschen, sie sind seit Jahren schier außer sich vor Begeisterung, werfen mit Sternen um sich und feiern den Mann, welcher die Hymne singt, wie einen Heilsbringer, die Zarenfrau ist übrigens nicht die Vorgesetzte hier, sie sorgt sich aber sehr um die Bewohner, in regelmäßigen Abständen schenkt sie diesen Wesen Kunst und lässt sie eine Serie schauen, die allen die Augen erleuchtet, sogar dem Stadtschreiber bin ich begegnet, das ist der Peter, von vielen Herr Breuer genannt, er kommentiert das Geschehen jener Welt auf eine ganz eigene Weise, Du würdest seine Texte mögen, wie ich so durch die andere Welt irrte, traf ich in einer schlecht beleuchteten Gasse auf etliche Poeten, es waren die wegmüden Wesen, ihre Gesänge klangen durch die Nacht und in dieser Gasse regnet es immerzu, ein Hund lief an mir vorbei mit einem Farbeimer im Maul, er hielt unbeirrt auf ein Atelier zu, aber ich verlor ihn aus den Augen, da ich den Gesängen der Dichter folgte, plötzlich stellte sich mir eine Person in den Weg und stopfte mir Watte in die Ohren und sprach etwas, was ich natürlich nicht verstand, das Wesen nahm mich an die Hand und zog mich mit sich, irgendwann befand ich mich in einem Garten, der über die Maßen wild aussah, allüberall wuchsen seltsame Pflanzen und die Luft war erfüllt von schweren Düften, im Garten stand ein Klavier und da saß ein Mann mit einer Fliege, die Fliege war wohl handzahm, denn sie blieb die ganze Zeit über am Hals dieses Mannes sitzen, dieser Mann war der van Bohm, man nahm mir die Watte aus den Ohren und ich lauschte, berauscht von den Düften des Gartens, seiner Musik, es waren viele Wesen da, selbst der arschhaarzopf hatte seinen Zug verlassen, er stand an einem riesigen Grill, so groß wie eine Tischtennisplatte und bereitet allerlei Leckereien zu, hier nun erhielt ich den entscheidenden Hinweis, ich müsse ans Meer gehen, da würde der Kapitän Käse auf mich warten, ich solle mich an ihn halten, so verließ ich diesen Garten, ich glaube, etliche der Wesen dort, hielten mich für einen Sonderling, man flüsterte, dass aus mir in ihrer Welt nie etwas werden würde, läuft mit Watte in den Ohren und einem Buch ohne Titel unterm Arm durch die Nacht und will in die wahre Welt zurück, sagten sie, sie schienen sich einig zu sein, dass es eine wahre Welt gar nicht gibt, so gelangte ich auf die Straße und irrte weiter umher, plötzlich stand da wieder jener Turm vor mir, Du weißt schon, der, der sich ewig über die Insel bewegt, mein dickes Ich öffnete das Turmzimmerfenster und sprach also zu mir: „Du kannst noch einmal in den Turm kommen, nur musst Du nun die Treppen abwärts steigen, ganz unten ist ein Keller und am Ende des Kellers ist eine Tür und durch diese Tür gelangst Du zum Meer.“ – so, so, dann hat dieser NaumBurger das Meer immer bei sich, na da kann ich lange suchen, dachte ich mir und stieg die Treppen hinunter, diesmal waren die Stufen lauter Sätze, die, je näher ich dem Keller kam, immer länger wurden, über der Tür zum Meer hing eine Lampe, die mir ein falbes Licht spendete, ich ging auf die Tür zu, es roch nach Salzwasser und kalten Steinen, ich drückte die Klinke der Tür hinunter … und sie war verschlossen, aber hinter der Tür hörte ich eine Stimme: „Oh, oh – neben der Tür ist eine Wand, da müssen Sie durch … mit dem Kopf zuerst, Kerl!“ – ich versuchte es und tatsächlich glückte es mir beim ersten Versuch, ich stand am Meer und neben mir war der Kapitän Einstueckkaese: „So, Sie sind also der Junge, den ich ans Ende dieser Welt bringen soll, na ja, wenn ich Sie so anschaue, dann ist das doch kein schlechter Ort für Sie!“ – wir gingen auf sein Schiff, lösten die Taue, setzten die Segel und fuhren in die Nacht hinein, das Schiff schien den Weg zu kennen, es fuhr wie von selbst, der Kapitän verzog sich unter Deck und ich blieb allein zurück — als die Sonne über dem Meer aufging, verlangsamten wir unser Tempo, seltsam, noch einmal sah ich den Turm, er schwebte auf dem Wasser und hinter dem Turmzimmerfenster war mein dickes Ich und blinkte mit einer Taschenlampe, der Kapitän Käse stand wieder neben mir und ich frug ihn, was es mit dem Turm auf sich habe … „Welcher Turm, glauben Sie etwa dieses Märchen von einem Turm, der sich bewegt, alles übersinnlicher Quatsch, erfunden von subalternen Geistern, denen der Tag zu lang wird!“ – dann stand das Schiff still, wir waren gegen eine riesige dicke Glaswand gefahren, das Meer war einfach zuende und wir stießen mit dem Bug gegen diese Glaswand … „So, da wären wir nun, das ist das Ende der anderen Welt, Sie können durch jene Glaswand hindurch, bitte wieder mit dem Kopf zuerst und denken Sie dabei an den Ort, den Sie in Ihrer Welt erreichen wollen, dann fallen Sie direkt dahin!“ – nun hatte ich noch das Buch ohne Titel bei mir, ich schlug es auf, eine beliebige Seite, die Seiten waren auch nicht mit Zahlen versehen … was ich da las, kannst Du Dir nicht vorstellen, jedes einzelne Wort, welches wir je gesprochen haben, liebste Bäckerblume, war darin zu lesen, dieser NaumBurger hatte uns von Anbeginn an belauscht und alles aufgeschrieben, ich tat, worum er mich bat und warf das Buch ins Meer, dann drehte ich mich zum Kapitän und sagte: „Wenn man von unserer Welt aus durch diese Glaswand geht, dann ist es doch der Anfang der anderen Welt und nicht das Ende, oder?“ – dann ließ ich mich fallen und landet unsanft auf dem Weg, der mich Tag für Tag zu Dir führt – gleich werde ich bei Dir sein, werde wie immer fast alles zwischen die Zeilen legen und einsam mit einer Tüte voller Brötchen in einen weiteren Tag starten.

In Liebe, Dein N.

Eine fremde Welt – Brief 3

Liebster N.,

vielen Dank für Deine Briefe aus dieser anderen Welt.
Ich hoffe, ihr habt schönes Wetter. Hier regnet es häufig.
Wie ist das Essen? Ich kann mir das mit den Fotos gar nicht vorstellen. Wenn ich statt Brötchen nur Fotos von den Brötchen verkaufen würde, na das gäbe ein Hallo, kann ich Dir flüstern.
Ich finde den Herrn arschhaarzopf lustig. Der hat bestimmt schon viel von dieser anderen Welt gesehen. Sag ihm bitte, wenn Du ihn triffst, er soll sich ein Monatsticket kaufen, dann spart er ordentlich Geld, er ist ja ständig mit dem Zug unterwegs. Dass er auf jedem Bahnsteig einen eigenen Kaffeebecher mit seinem Namen hat, konnte ich anfangs gar nicht glauben, aber Du wirst mich nicht anschwindeln, dachte ich dann und nun halte ich das für möglich.
Der Mann vom Balkon ist gewiss ebenfalls ein Netter und ist viel an der frischen Luft, wie käme er wohl sonst zu einem so schönen Namen.
Mein Liebster, wer oder was ist ein Bohm? Ich kann mir nichts darunter vorstellen.
Und haben da wirklich alle Katzen?
Wenn ja, dann halte Dich an die Troedelkatze. Sie wird sich Zeit für Dich nehmen und Dir die andere Welt erklären und Dir helfen, wenn es mal brenzlig werden sollte.
Ist die Zarenfrau Eure Vorgesetzte? Sei immer höflich zu ihr. Hörst Du? Und vermaule Dich nicht. Aber das machst Du ja nie.
Dass Du Dein dickes Ich in einem Turmzimmer gefunden hast, finde ich prima. Man kann nämlich viel von sich lernen. Nur warum bewegt sich dieser Turm die ganze Zeit über die Insel? So hat Dein dickes Ich doch nie einen Fleck, den man Zuhause nennen kann.
Ich hoffe, Du findest den Kapitän Einstueckkaese recht schnell und er bringt Dich ans Ende der anderen Welt, damit Du von da in unsere Welt gelangen kannst.
Du fehlst uns hier sehr. Vater sagt, dieses Essen auf Fotos sei ganz gut für Dich. Aber Du weiss ja, wie der immer ist.
So, nun muss ich aber aufhören. Bitte schreibe mir wieder. Ich finde diese andere Welt spannend, auch wenn ich das Gefühl habe, sie besteht aus lauter Menschen, die an etwas schwer zu tragen haben.

Sei ganz lieb gegrüßt – und Du kannst mir ruhig mal schreiben, dass Du mich so liebst wie ich Dich.
Deine Bäckerblume

P.S.: Ich werde diesen Brief einfach auf mein Fensterbrett legen, von da aus gingen schon früher immer meine Wunschzettel in eine andere Welt. Ich hoffe, er kommt an.
Und was ist das für ein Buch ohne Titel, das Dir Dein dickes Ich gegeben hat?

Eine fremde Welt – Brief 2

Liebste Bäckerin,

nun mag ich Dir, wie versprochen, etwas mehr über die Wesen hier schreiben, ich stelle mir deren Leben in dieser Welt nicht einfach vor, es gibt gar Gerüchte, dass sich jene Wesen, wann immer sie die Nase voll haben von all dem, löschen, die sind dann weg, freilich weiss niemand wo sie sich nach dem Löschen aufhalten, manche kommen auch wieder, einer, der sich nicht löscht, ist ein gewisser Herr arschhaarzopf, er führt ein Leben, kann ich Dir sagen, fährt immer mit dem Zug durch diese Welt, Tag für Tag ist er ein Reisender – und weißt Du was? – er hat an jeder Bahnstation einen eigenen Kaffeebecher, da steht sein Name drauf, (kannst Du Dir das vorstellen?), Wesen, die ihn besser kennen, nennen ihn liebevoll Zopf, er hat auch Katzen, das ist hier aber Pflicht, glaube ich, fast alle haben Katzen, überdies legen sie großen Wert auf ihre Ernährung, weißt Du, sie essen hier aber nicht wirklich, sie sättigen sich, indem sie Fotos mit Nahrungsmitteln betrachten, das ist doch komisch, ich habe mir nun schon einige dieser Bilder angeschaut und mir knurrt der Magen ohne Unterlass, getrunken wird hier ausschließlich Bier, nur einer, der heißt German Psycho (unheimlich, oder?), der trinkt immer Champagner, dann lebt hier der Kapitän dieser Welt, das ist der Herr Einstueckkaese, ja, er ist der Kapitän, der schaut aus wie ein Filmstar, Anzug, schmucke Frisur und all das – aber jetzt muss ich Dir noch etwas ganz Seltsames erzählen, hier gibt es einen Turm, der ändert immer wieder seinen Standort, ja, Du liest richtig, meine Schöne, der Turm bewegt sich durch diese Welt, die Wesen hier sagen, ganz oben im Turm lebe eine Gestalt, welche über alles wacht, man könne aber nie das Turmzimmer erreichen, denn sobald man die Tür zum Turm öffnet, ist der Turm wieder verschwunden, das muss eine furchtbar einsame Gestalt sein da in dem Turmzimmer, nie Besuche, nirgends daheim, aber nun sage ich Dir etwas, ich war gestern am Abend bei ihm, vielleicht ist der Turm nicht verschwunden, als ich die Tür öffnete, weil ich nicht von dieser Welt bin, ich trat also ein – und denk Dir nur, die Treppe hoch ins Turmzimmer bestand aus alten Büchern, tausende Bücher bildeten die Treppe zu ihm, dann stand ich vor dem Turmzimmer und klopfte an, was mir da öffnete, verschlug mir die Sprache, das Wesen sah ganz genau so aus wie ich, nur war es viel dicker, da stand ich nun vor meinem dicken Ich, das trug einen lindgrünen Kimono und babyblaue Hausschuhe aus Plüsch und starrte mich entgeistert an, dann nahm es mein Gesicht in beide Hände, ganz sanft – und frug: „Schickt Dich die Bäckerin?“, ich konnte gar nichts sagen, da wohnt mein dickes Ich in einem Turm der sich bewegt, hat eine Treppe aus tausend Büchern und kennt unsere Geschichte, na ja, er bat mich dann rein, wir aßen Pizza mit doppelt Pizza, also schauten uns entsprechende Fotos an, es gab Bier und mein dickes Ich erzählte mir allerlei Sachen von verrückten Philosophen und verlorenen Dichtern, sitzt da in einem lindgrünen Kimono, hat babyblaue Plüschhausschuhe an und quatscht mich mit Nietzsche und Hölderlin zu, ab und an reichte er mir ein Foto mit einer Pizza drauf und sagte: „Essen Sie nur tüchtig, das ist die gute von Instagram!“, als ich ihn wieder verließ, sprach er also zu mir: „Du weißt, wer ich bin, nur darum konntest Du zu mir gelangen, ich selbst werde nie wieder eine Nähe haben, darum lebe ich in einem mobilen Leuchtturm, ich wache über all die Wesen hier, lasse sie sein, wie sie sein wollen, berühre sie ab und an mit unsichtbarer Hand und schaue aus der Ferne zu, Du aber darfst nicht so werden, dick und einsam, ich tauge bestenfalls noch zur Romanfigur, Du musst wieder zu ihr und halte fest, was Dich nicht unglücklich macht!“, er reichte mir ein Buch ohne Titel, sprach davon, dass ich es auf der Fahrt zu Dir ins Meer werfen möchte und sagte noch, ich solle mich an den Kapitän halten, der Kapitän Einstueckkaese wüsste einen Weg aus dieser Welt und würde mich heimwärts fahren – nun bin ich auf der Suche nach dem Einstueckkaese, vielleicht sehen wir uns bald wieder, meine Teuerste, ich werde Dir weiterhin schreiben, was ich in dieser Welt so erlebe, es ist eine fremde, seltsame Welt – randvoll mit Wesen, von denen ein jedes ein bisschen traurig ist.

Du weißt ja, was ich nicht sagen kann.
Dein N.

P.S.: Mein dickes Ich hier heißt NaumBurger – lustig, oder?

Eine fremde Welt – Brief 1

Liebste Bäckerin,

nun bin ich schon geraume Zeit verschwunden und möchte es doch nicht versäumen, Dir diese Zeilen zu senden.
Ich bin hier in einer fremden, seltsamen Welt, um mich sind Wesen mit Namen, wie man sie noch nie zuvor hörte, wie ich in diese Welt kam, berichte ich später einmal, heute sollen nur meine ersten Eindrücke Dich erreichen.
Denk Dir, es gibt hier die komischsten Regeln, man spricht zum Beispiel ausnahmslos in kurzen Sentenzen und sie nennen es zwitschern, jeder hier hat ein Gefolge und ist Teil von etwelchen Gefolgen, hinter vorgehaltener Hand nennen sie die mit den großen Gefolgen Elite, aber ich blicke da nicht durch, warum und weshalb, was ist schon elitär daran, wenn einem viele tausend Wesen anhängen, das Gegenteil scheint mir weit eher elitär, jedoch das nur am Rande, manche mögen es gar nicht, wenn man sie anspricht, die geben sich dann so, als hätten sie dich nicht gehört und was man hier sagt, wird mit gelben Sternen bewertet, kein Witz, ich lüge Dich nicht an, meine Schöne, je mehr Sterne, desto … ja was desto, weiss ich noch nicht und viele nehmen das Gesagt und leiten es mit dem Namen dessen, der es sagte, weiter, die Namen der Wesen kannst Du Dir nicht ausdenken, hier gibt es einen arschhaarzopf (ja, Du hast richtig gelesen!) und eine Zarenfrau, einen Mann vom Balkon, eine Frau Bunte Knete, einen Einstueckkaese, eine Troedelkatze, einen Bohm – ich könnte noch tausend Namen nennen und werde Dir auch in den nächsten Briefen viele von hier vorstellen, es sind alles ziemlich freie Geister, man biegt die Moral, bis sie bricht, man ist gegen Regierungen und Kirche, man lacht über dicke und dünne Wesen, man ist wirklich locker hier, aber weh dem, der das, was mal einer irgendwann sagte in dieser Welt, nimmt, es in genau den Worten ebenfalls sagt und sich so verhält, als seien es seine Worte, dann stellt man hier die heilig Inquisition nach, da wird geschimpft und mit Fingern gezeigt und geblockt (wo die, die man geblockt hat, hinkommen, habe ich noch nicht rausgefunden), dieses Verbrechen nennen sie hier Tweetklau, wie Du siehst, geht es hoch her, aber ich vermute ja, dass die hier unsere Welt kennen, vielleicht beobachten sie unsere Welt schon länger und planen da was, vielleicht bin ich hierher geschickt worden, um diese Wesen zu erforschen, es ist eine fremde, seltsame Welt, in der sie leben … und was passiert mit mir, wenn ich entdeckt werde von denen, es gibt hier ein Ritual, das nennt sich #ff, ich muss vorsichtig sein, zu einigen habe ich Vertrauen gefasst, andere hingegen sind mir noch unheimlich, meine Teuerste, ich werde Dir weiterhin berichten, für heute waren das meine ersten Eindrücke, späterhin mehr von hier.
Heute ist Montag, da sind hier alle noch hoffnungsloser als sonst.
Nun muss ich aber wieder los, ich muss mich unter die Wesen mischen und zwitschern – die zwitschern hier alle – sonst falle ich noch auf.

Bis dann – und (ich versuche es mal, gleichwohl ich dergleichen nicht sonderlich gut kann):
Du fehlst mir, weil ich Dich … (na, beim nächsten Mal klappt es vielleicht),
Dein N.

P.S.: Bitte grüße Deine Mutter und Deinen Vater von mir und vergiss mich nicht gleich.