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Kressmann Taylor, Adressat unbekannt 

  
Ein großer Briefroman, der keine 100 Seiten hat. 

Die US-amerikanische Autorin Kressmann Taylor (1903-1996) veröffentlichte dieses Buch 1938. 

Wenig mehr als eine Stunde brauchte ich, um dieses Werk zu lesen, es sind da zwei Männer, dereinst beste Freunde, mit einer eigenen Kunstgalerie in San Francisco, einer heißt Max Eisenstein und ist jüdischer Geschäftsmann, der andere heißt Martin Schulse, er zieht 1932 mit seiner Familie nach München, Martin und Max schreiben sich anfangs die herzlichsten Briefe, ihre Freundschaft scheint unzerbrechlich, selbst das Verhältnis, welches Martin mit der Schwester von Max, einer Theaterschauspielerin namens Griselle hatte, halten beide vor der Frau und der Familie von Martin geheim, bald schon bekundet Max am Ende eines Briefes seinen Kummer über die sich anbahnenden politischen Veränderungen in Deutschland, wenig später wird er Zeuge, wie auch Martin sich verändert, in München lebt er in angenehmen Verhältnissen, genießt es, gut angesehen zu sein und passt sich den Veränderungen an, er wird innert kürzester Zeit zu einem Mitläufer, der auf erschreckende Weise in seinen Briefen an Max seine sich wandelnden Ansichten darlegt, Max will zuerst noch glauben, dass all jene Äußerungen nicht Ausdruck der Gesinnung seines Freundes sind, sondern der Tatsache zugeschrieben werden müssen, dass dieser in solchen Zeiten derart sich geben muss, er bittet ihn, sich ihm dahingehend zu offenbaren, allein Martin bricht mit Max und fordert die sofortige Beendigung des Briefwechsels, selbst als Griselle, die Schwester von Max, eine Rolle an einem Theater in Berlin annimmt und Max daher voller Sorge ist um seine Schwester und Martin bittet, alles dafür zu tun, dass ihr nichts passiert, schweigt dieser vorerst, die Geschehnisse spitzen sich mehr und mehr zu, wir werden Zeuge, wie der Schmerz Max dazu bringt, sich aus der Ferne mit Worten zu wehren. 

Worte, die ihm blieben, als es ihm die Sprache verschlug. 

“Adressat unbekannt” – unbedingt lesen.  

Allzeit verwundbar

Als er tot war, erfuhr ich davon durch einen Anruf.

Gestorben wurde in meinem bisherigen Leben immer weit weg.

Ich stellte mir seine Lippen vor, wie sie am Ende ganz ausgetrocknet waren.

Dann sehe ich ihn mit seinen dunklen Haaren, seiner braungebrannten Haut, seinen großen Händen, wir sitzen auf dem Dach des Schuppens, um uns sind Zweige, die wir im Wald unfern der Fischerquelle fanden, die Zweige sind frisch, wir schnitzen sie spitz, bei ihm darf ich ein Taschenmesser haben, er ist sechsmal so alt wie ich, tritt aber nicht so auf, der Sommer verwöhnt uns mit Wärme und Licht, wir schweigen viel, wenn wir reden, albern wir rum, dieser Mann soll ganze Kneipen zertrümmert haben, soll sich so wenig verstanden gefühlt haben, dass der Jähzorn wieder und wieder ausbrach, nun sitzt er auf dem Dach des Schuppens mit mir, wir grüßen von da die Menschen, die den Berg hochgehen, alle kennen ihn, wissen, wie gern er trinkt, ich höre ihn nie ein böses Wort sagen, wenn seine Sätze unverständlich werden, legt er sich auf die viel zu schmale Eckbank in der Küche und schnarcht, ich sitze aufgeregt im angrenzenden Wohnzimmer und warte, warte, bis er wieder erwacht, er schläft wie ein Stein, wie ein Toter.

Mein Großvater sah aus wie Ernest Hemingway, stand in einer Pfütze aus Sonnenlicht und war allzeit verwundbar.

Die Farbe der Stadt

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Die Farbe der Bücher

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Dreizehn Bücher und ein leeres

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Herbst in Duisburg

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Auf dem Meeresgrund

“Und Du meinst, man gelangt direkt auf den Meeresgrund, wenn man durch diese Tür im Keller der Bäckerei geht?”
“Vertrau mir”, antwortete die Bäckerin.
So liefen wir die Treppen hinab, es war kühl und ich hielt eine Taschenlampe, die Tür zum Meeresgrund hatte keine Klinke.
“Heb mich mal hoch”, sagte die Bäckerin.
Dann berührte sie die Tür am oberen Rand, sie öffnete sich nicht, aber wir konnten durch sie hindurch, es war, als ginge man durch Kuchenteig und plötzlich befanden wir uns auf dem Meeresgrund.
Alles wurde ganz leicht und wir glitten durch eine Welt ohne Licht, aber reden konnten wir und atmen und obgleich wir so leicht waren, kamen wir nur in Zeitlupe voran, da war nichts – nur Wasser und der Boden.
“Ich habe mir den Meeresgrund spannender vorgestellt”, flüsterte die Bäckerin.
“Vielleicht kommt noch ein Ungeheuer, mit dem ich kämpfen kann”, entgegnete ich.
Langsam kamen wir weiter.
“Da hinten ist was”, rief die Bäckerin.
“Sieht aus wie ein versunkenes Schiff”, sagte ich.
“Da finden wir bestimmt einen Schatz”, freute sich die Bäckerin und klatschte in die Hände.
Vor dem Schiff standen zwei Menschen und als wir näher kamen, sahen wir, wie sie uns zu sich winkten, der Mann trug einen schwarzen Anzug und sein Haar war dünn, die Frau hatte ein graues Kleid aus einem groben Stoff an und einen dunklen Mantel und ihr Haar war wirr, so wirr wie ihr Blick – ich hielt die Luft an (übrigens zum ersten Mal seit wir unter Wasser waren), denn ich erkannte diese zwei Menschen – mitten auf dem Meeresgrund standen vor einem untergegangenen Schiff Virginia Woolf und Paul Celan und winkten uns zu sich.
“Wie kommen Sie auf den Meeresgrund?”
“Wir sind durch eine Tür gegangen.”
“Das sind wir auch.”
“Sie sind Virginia Woolf und Paul Celan”, sagte ich.
“Du kennst die beiden Menschen?”
Virginia Woolf blickte an mir vorbei, obgleich sie mit mir sprach und wir erfuhren, dass sie schon lange Zeit auf dem Meeresgrund lebten, sie betonte das Wort lebten sehr traurig, dabei spielte sie mit etwas in der Tasche ihres Mantels.
“Seid Ihr ein Paar?”
“Und Ihr?”
Paul Celan sprach gar nicht.
“Er ist verstummt, nur ich rede ab und an, erzähle ihm von damals, wie ich Ewigkeiten über einen Satz nachdachte, aber meistens schauen wir uns nur an und schweigen, was sollen zwei Menschen machen, die in einem versunken Schiff auf dem Meeresgrund sind und für alle Zeiten da bleiben werden, man schweigt und liest Gedanken”, berichtete Virginia Woolf.
“Das ist traurig”, sagte die Bäckerin.
Celan nickte.
“Ihr habt hier unten auf dem Meeresgrund einen Kanarienvogel”, rief ich und deutete auf einen Käfig, der an dem versunkenen Schiff hing.
“Ja, der ist uns zugeflogen”, antwortete die Woolf.
“Wie heißt er?”
“Na, Moby Dick natürlich.”
“Euch ist auf dem Meeresgrund ein Kanarienvogel zugeflogen, der Moby Dick heißt?”
“Ja, aber er kann nicht singen.”
“Ihr müsst ihm etwas vorsingen”, rief nun die Bäckerin.
“Wesen wie wir können nicht mehr singen”, antwortete Virginia.
“Das ist traurig”, sagte die Bäckerin.
Celan nickte.
“Sollen wir ihm denn etwas vorsingen?”
“Könnt Ihr denn singen?”
“Klar, wie verrückt.”
Wir gingen auf Moby Dick zu, der ganz interessiert sein Köpfchen schräg hielt.
Und dann begannen die Bäckerin und ich mit dem Gesang:
“Ich träum ich treff dich ganz tief unten
der tiefste Punkt der Erde Marianengraben Meeresgrund zwischen Nanga Parbat K 2 und Everest das Dach der Welt dort geb ich dir ein Fest wo nichts mehr mir die Sicht verstellt
wenn du kommst seh ich dich kommen schon vom Rand der Welt es gibt nichts Interessantes hier die Ruinen von Atlantis nur aber keine Spur von dir ich glaub du kommst nicht mehr wir haben uns im Traum verpasst du träumst mich ich dich keine Angst ich weck dich nicht bevor du nicht von selbst erwachst …”
Der Kanarienvogel schaute nur nachdenklich, aber er stimmte nicht mit ein, wir sangen jedoch weiter, weil Celan und Virginia Woolf es so schön fanden, da verstrich uns die Zeit.
“So, wir müssen dann mal wieder”, sagte die Bäckerin.
“Wie kommen wir denn von hier weg?”
“Ihr müsst uns einen Kuss dalassen”, antwortet Virginia Woolf.
“Wir sind nicht so geübt in solchen Dingen”, wehrte ich ab.
“Aber das bringt doch die Liebe mit sich”, sagte die Woolf.
“Mit der Liebe kenne ich mich aus, ich habe in den alten Büchern alles über sie gelesen”, gab ich zu.
“Dann weißt Du gar nichts über sie”, flüsterte Virginia.
“Das ist traurig”, sagte die Bäckerin.
Celan nickte.
Da schob ich mir meine Brille fest auf die Nase, umarmte die Bäckerin und küsste sie, es schmeckte salzig und wir ließen uns treiben und vergaßen die Zeit und hörten das Rauschen und dann eine Stimme, die polterte und laut war.
Ihr Vater: Ich glaub, ich hab eine Erscheinung, stehen hier im Regen vor der Haustür und knutschen rum, habt ihr mal auf die Uhr geguckt?
Ich: Aber wir waren doch, wir haben nur, es ist alles bloß wegen.
Bäckerin: Wenn wir uns nicht geküsst hätten, wären wir jetzt noch auf dem Meeresgrund.
Ihr Vater: Jungchen, was hast Du mit meiner Tochter angestellt?
Ich: Wir haben gesungen.
Ihr Vater: Gesungen? Das hab ich gesehen, was ihr so singen nennt.
Na egal, es ist schon spät, kommt rein, trocknet euch ab und dann gibt es Abendbrot, wir haben heißen Tee und Leberwurststullen.
Bäckerin: Au fein.
Ich: Küssen macht irgendwie hungrig.

Es sind noch immer dies die größten Abenteuer, die mit einem heißen Tee und Leberwurststullen am Küchentisch enden.